Ranking der deutschen WM-Mannschaften
27.02.2016 - 14:34 Uhr
Die einzelnen Berichte sind so aufgebaut, dass sie zunächst eine allgemeine Bestandsaufnahme der damals vorherrschenden Situation wiedergeben und danach den Turnierverlauf möglichst exakt schildern sollen.
Nach den ganzen betrachteten Spielen, wovon einige wirkliche Magerkost bereithielten, lassen sich zwei Phasen besonders hervorheben. Zum einen wäre da die Schön-Ära mit den WM-Teams von 1966-1974 und zum anderen die Klinsmann/Löw-Ära mit den WM-Teams von 2006-heute. Es sind die beiden Abschnitte, wo die Nationalmannschaft durch Offensivfußball begeistert(e) und ein hohes Ansehen im internationalen Fußball genoss bzw. genießt. Begünstigt wurden diese Epochen durch die wohl besten zur Verfügung stehenden Spielergenerationen des DFB. Sowohl die späten 1960er bzw. frühen 1970er (Müller, Beckenbauer, Seeler, Breitner, Netzer, Overath, Haller, Schnellinger, Vogts und Maier) als auch die aktuelle Mannschaft (Schweinsteiger, Klose, Lahm, Müller, Özil, Ballack, Kroos, Hummels, Boateng, Reus, Götze und Neuer) booten bzw. bieten eine Vielzahl an erstklassigen Fußballern.
Beeindruckend für die von Löw trainierte Generation ist vor allem die K.o.-Bilanz gegen die anderen Weltmeisternationen. Bevor Jogi Löw zum Cheftrainer befördert wurde gab es in 16 Duellen (beinhaltet auch die Zwischenrundenspiele) nur fünf Siege nach Abpfiff zu feiern und vier weitere Erfolge ergaben sich erst nach dem Elfmeterschießen. Unter dem gebürtigen Badener gelangen in sechs Kräftemessen ebenfalls fünf Siege, worunter die furiosen Demütigungen Englands (4:1), Argentiniens (4:0) und Brasiliens (7:1) zählen.
Auch wenn die DFB-Auswahl sich häufig über „Kraftfußball“ definierte, so hat sie doch in jeder Dekade erfolgreichen Fußball gezeigt. Denn die immer eingebrachten Komponenten des Kampfes, der Moral und des Willens ließen häufig spielerisch stärkere Gegner in die Knie zwingen. Wie wohl keine andere Mannschaft der Welt, vermochte das DFB-Team auch aussichtlose Rückstände noch zu drehen oder zumindest ins Spiel zurückzukommen. Darunter zählen die Aufholjagden gegen Ungarn 1954, die Tschechoslowakei 1958, England und Italien 1970, Schweden und Holland 1974, Frankreich 1982, Argentinien 1986, Jugoslawien 1998 und Argentinien 2006.
Und jetzt viel Spaß mit dem Ranking und Abstimmen eurer persönlichen Top 3.
Dieser Beitrag wurde zuletzt von 19Schnix25 am 27.02.2016 um 14:36 Uhr bearbeitet
27.02.2016 - 14:35 Uhr
16. Spanien 1982 (Finale)
Bei keiner Bewertung habe ich mich so schwer getan wie bei diesem „Team“. Die Mannschaft des amtierenden Europameisters war spielerisch deutlich stärker als einige vor ihr platzierte Auswahlen. Das Auftreten neben und im speziellen auf dem Platz hat mich jedoch dazu bewogen, dass dieses DFB-Team den letzten Platz des Klassements einnimmt. Charakterlisch waren die meisten Spieler nämlich ein einziger „Sauhaufen“! Nicht umsonst erhielt das Trainingslager in Schluchsee (Südschwarzwald) den spöttischen Beinamen „Schlucksee“. Von Saufgelagen, Pokerabenden mit hohen Summen, Spielern „die bis zum Morgengrauen bumsten und wie nasse Lappen zum Training gekrochen kamen“ und Unpünktlichkeit, war in der später erschienen Autobiographie „Anpfiff“ von Torwart Toni Schumacher zu lesen. Auch wenn die Leistung und Einstellung auf dem Platz letztlich in Ordnung war propagierten Trainer und Spieler etwas anderes. Jupp Derwall, der nach dem EM-Triumph noch als „Häuptling Silberlocke“ titulierte Bundestrainer, litt zunehmend am Autoritätsverlust innerhalb der Mannschaft und schlug nach der ersten und einzigen WM-Auftaktniederlage eines deutschen Teams vor, „auf das eine oder andere Gläschen Wein oder Bier zu verzichten“. Rädelsführer Paul Breitner fand folgende Worte: „Dieses Gequatsche ‚Wir müssen jeden Gegner ernst nehmen‘ kann ich nicht mehr hören. Man muss auch mal die Sau rauslassen!“
Die fehlende Einstellung im Trainingslager und unprofessionelle Aussagen einiger Beteiligten wären schnell Schnee von gestern und kein großes Bewertungskriterium gewesen. Die Schande von Gijón und das Brutalo-Foul von Schumacher im WM-Halbfinale haben allerdings dem deutschen Fußball international so sehr geschadet, dass das mühsam aufgebaute positive Image für etliche Jahre am Boden lag. Das die Spieler nach dem Österreich-Spiel die eigenen Fans am Mannschaftshotel mit Wasserbomben bewarfen, der „Tünn“ sich nach seinem Foulspiel nicht direkt beim Spieler entschuldigte und den Reportern antwortete, „dass sie ihm (Anm. Patrick Battiston) sagen sollen, dass er (Anm. Toni Schumacher) ihm die Jacketkronen zahlen würde“, setzte dem Ganzen noch zusätzlich die Krone auf.
Da die dargebotenen sportlichen Leistungen, wegen der beschriebenen Vorkommnisse, von keinem anderen Turnier durch die Presse so falsch wiedergegeben werden, schildere ich meine Eindrücke von den Spielen etwas ausführlicher als bei den weiteren Weltmeisterschaften.
Die Fans und berichtenden Medien der Nationalmannschaft waren in all den vorangegangen Turnieren meistens verwöhnt worden und kannten das Gefühl einer Niederlage gegen ein außereuropäisches Team noch gar nicht. Deshalb war das 1:2 gegen unbekannte Algerier, die unter anderem den späteren Champions League Sieger Rabah Madjer in ihren Reihen hatten (die Bayern werden sich ungern erinnern), für die Journalisten ein Fall von Überheblichkeit „der hochbezahlten Profis gegen Amateure“ und das 4:1 gegen schwächere Chilenen „ein Zwischenhoch“ bzw. „eine runde Leistung“. Dabei waren die gezeigten Leistungen nahezu gleichwertig. Die Afrikaner wussten in der ersten halben Stunde überhaupt nicht hinten rauszukommen und einzig die fehlende Zielstrebigkeit im Angriffsspiel war der DFB-Auswahl, bis zum Rückstand (54.) durch den ersten Angriff der Algerier, vorzuwerfen. Die daraufhin etwas behäbig spielenden Deutschen kamen durch Rummenigge schnell zum Ausgleichstreffer (67.), um postwendend in einer stümperhaften Abwehraktion den erneuten Rückstand hinnehmen zu müssen. Danach versuchten die Derwall-Schützlinge alles, bekamen ein reguläres Tor aberkannt und trafen kurz vor Schluss noch die Latte, weshalb ihr keineswegs Lustlosigkeit oder fehlender Respekt vorgeworfen werden konnte. Unter Zugzwang stehend übte die Nationalmannschaft im zweiten Spiel gegen die Chilenen sofort Druck aus, um auf den schnellen Führungstreffer (9.) genau die Eigenschaften folgen zu lassen, die gegen Algerien übertrieben moniert wurden. In der zweiten Halbzeit sorgten dann einige schöne Kombinationen für die schnelle Entscheidung und es schien wieder alles gut zu sein – bis zum Nichtangriffspakt von Gijón.
Nach der frühen Führung durch Hrubesch (10.) erlaubte der Spielstand sowohl den Deutschen als auch den Österreichern das Weiterkommen in die zweite Finalrunde, weshalb mit zunehmender Spielzeit immer ersichtlicher wurde, dass beide Mannschaften nur noch das Ergebnis über die Zeit bringen wollten und das Fußball spielen einstellten. Von absichtlicher Absprache kann bei Betrachten des Spiels jedoch keine Rede sein und die Schuld betrifft offensichtlich vier Parteien: 1.) Die FIFA, die trotz eines ähnlichen Falles beim Spiel Argentinien-Peru 1978 am Modus festgehalten hatte und die letzten Gruppenspiele weiterhin zeitversetzt austragen ließ. 2.) Die Algerier, die um die mögliche Konstellation wussten und den Chilenen nach einer souveränen 3:0 Pausenführung, die zum Weiterkommen gereicht hätte, noch zwei fatale „Ehrentreffer“ geschenkt haben. 3.) Die Österreicher, die nach dem Gegentreffer überhaupt nicht mehr nach vorne gespielt haben um jegliches Risiko zu vermeiden. 4.) Die Deutschen, die zwar bis zur Halbzeit noch aufs zweite Tor gespielt haben, aber danach ebenfalls aufs halten des Ergebnisses fokussiert waren. Leitragende waren schlussendlich die Fans und der Fußball.
Nach einer unrühmlichen Vorrunde zeigte die Mannschaft in der Zwischenrunde endlich was DFB-Teams eigentlich auszeichnet: Die deutschen Tugenden. In der Partie gegen England waren beide Mannschaften darauf aus „die Null“ zu halten und es gab, bis auf Rummenigges Lattentreffer in der Schlussphase, keine Tormöglichkeiten. Im entscheidenden Spiel zeigte man gegen die im Turnierverlauf enttäuschenden Gastgeber das bis dahin beste Spiel. Von der ersten Minute konzentriert und engagiert auftretend fehlte einzig die Durchschlagskraft im Angriff. Da die Defensive – mit wenigen Ausnahmen - aber nicht gefordert wurde, war es nur eine Frage der Zeit bis sich das Engagement auszahlen sollte (50.). Trotz des schnellen Anschlusstreffers der Spanier (82.), nach der zwischenzeitlichen 2:0 Führung, brachte die DFB-Auswahl das Spiel letztlich sicher über die Bühne und die folgende Nullnummer zwischen den schon ausgeschiedenen Iberern und den „Three Lions“ sorgte für den Halbfinaleinzug.
Dort begann die Derwall-Truppe erneut druckvoll und hatte früh einen Aluminiumtreffer zu verbuchen. Als die Franzosen immer besser in die Partie fanden belohnte sich die Nationalmannschaft doch noch mit dem Führungstreffer (17.), um dann durch einen dummen Elfmeter den schnellen Ausgleich (26.) hinnehmen zu müssen. In der Folgezeit erspielte sich die spielerisch starke „Équipe Tricolore“ vor allem in der zweiten Halbzeit ein deutliches Übergewicht. Zu gefährlichen Torchancen kamen beide Mannschaften allerdings nur ein einziges Mal. In der Schlussphase überschlugen sich schließlich die Ereignisse, als die Franzosen in der 90. mit einem Distanzschuss die Latte trafen und Deutschland quasi im Gegenzug ebenfalls den Siegtreffer auf dem Fuß hatte. Anschließend schien „Les Bleus“ erstmals ins Finale einzuziehen, worauf die DFB-Elf wieder einmal ihre unbändige Moral und Kampfkraft zeigte. Mit zwei erstklassig herausgespielten Toren gelang es, den aussichtslos scheinenden 1:3 Rückstand aufzuholen, was bis heute einmalig in der Geschichte der WM-Verlängerung ist. Im ersten Elfmeterschießen einer Fußball-Weltmeisterschaft hatte die DFB-Auswahl das glücklichere Ende auf ihrer Seite und begründete damit ihren Ruf, im Nervenspiel vom Punkt beinahe unschlagbar zu sein.
Ebenfalls unerwartet stand Italien im Finale, das sieglos die Vorrunde überstand und in der heißen Phase mit überzeugenden Leistungen Argentinien, Brasilien und Polen eliminierte. Das Endspiel war geprägt von viel Mittelfeldgeplänkel und praktisch keiner hochkarätigen Tormöglichkeit, da beide Abwehrreihen exzellent arbeiteten. Obwohl Deutschland mehr vom Spiel hatte bot sich den Italienern durch einen Elfmeter (24.) die große Gelegenheit zur Führung, die sie nicht zu nutzen wussten. Somit dauerte es bis zur 57. Minute ehe die „Squadra Azzurra“ mit einem schnell ausgeführten Freistoß den Gegner überrumpelte und glücklich in Führung ging. In der Folge bissen sich die Deutschen die Zähne an der überragenden italienische Defensive um Scirea aus und zwei gut ausgespielte Konter (69. und 81.) besiegelten die Niederlage. Mit dem Ehrentreffer rückte Breitner nebenbei in den elitären Kreis der Spieler auf, die in zwei WM-Finals ein Tor erzielen konnten (Vavá, Pelé und Zidane).
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15. Frankreich 1998 (Viertelfinale)
Sportlich ganz hinten reiht sich ohne Frage die 1998er Auswahl ein. Das siegreiche Europameisterschaftsteam von 1996 war nochmals um zwei Jahre gealtert und der DFB setzte in Frankreich, mit einem Durchschnittsalter von ca. 30,3 Jahren, die älteste aller deutschen WM-Mannschaften ein. Obendrein fehlte mit Matthias Sammer der überragende Antreiber und Spielgestalter, der wegen anhaltender Kniebeschwerden sein letztes Bundesligaspiel im Herbst 1997 absolviert hatte. Da konnte auch die viel diskutierte Rückkehr vom mittlerweile 37-jährigen Lothar Matthäus keine Abhilfe schaffen. Die meisten Spieler gingen auf ihr Karriereende zu, besaßen nicht mehr den nötigen Hunger und waren sehr ausrechenbar in ihrem Angriffsspiel.
Dementsprechend wurde die Vorrunde schließlich zur einzigen Qual: Keine spielerische Inspiration, kein Tempo, nur langsames Ballgeschiebe und wenige Torchancen! Mal abgesehen von der zweiten Halbzeit gegen den Iran, wo man sich wenigstens einige Möglichkeiten „erarbeiten“ konnte, war das fußballerisch nichts. Nur eine starke Moral gegen die Jugoslawen (seit 1992 nur noch aus Serbien und Montenegro bestehend) ermöglichte der DFB-Elf durch zwei Standards den 0:2 Rückstand zu egalisieren und somit den Niederländern im Achtelfinale aus dem Weg zu gehen. Dort konnte man sich gegen starke Mexikaner deutlich steigern und ließ bis zum Rückstand (47.) fast nichts zu und hätte vorher selbst durch Bierhoff in Führung gehen müssen. Danach tat man sich allerdings extrem schwer Torgelegenheiten zu erspielen und hatte Glück, dass ein mexikanischer Konter nur an den Pfosten prallte. In der letzten halben Stunde erzwang die Nationalmannschaft dann regelrecht mit zwei typischen Halbfeldflanken den Ausgleichs- und Führungstreffer, wodurch letztlich der verdiente Viertelfinaleinzug stand. Gegen relativ schwache Kroaten zeigte die DFB-Auswahl dann ihre beste Turnierleistung und schied bezeichnenderweise mit 0:3 (zweithöchste WM-Niederlage) aus. Bis zur harten aber vertretbaren roten Karte gegen Wörns (40.) hatte man die „Balkankicker“ komplett im Griff und spielte gefällig nach vorne. Selbst deren Führungstreffer mit dem Halbzeitpfiff brach nicht die Moral und es gab auf beiden Seiten gute Torchancen nach dem Seitenwechsel. Das 0:2 (80.) war dann jedoch der Genickbruch für die Berti Vogts-Elf und es wäre sogar noch ein vierter kroatischer Treffer in der Schlussphase möglich gewesen.
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14. Chile 1962 (Viertelfinale)
Die erste Übersee-WM einer deutschen Mannschaft führte zu einem einzigen Fiasko. Bis dahin hatte die Nationalmannschaft fast ausschließlich gegen europäische Nationen gespielt und das Auftaktspiel war erst das dritte Länderspiel auf einem fremden Kontinent (erstmalig 1958 in Ägypten). Das erste Kräftemessen mit einem außereuropäischen Team fand 1928 gegen Uruguay statt und bis zur Weltmeisterschaft folgten gerademal fünf weitere Partien (Argentinien 1958, Ägypten 1958, Chile 1960 sowie 1961 und Uruguay 1962). Der Weltfußball befand sich Anfang der 1960er-Jahre in einem allgemeinen Wandel. Die zuvor überwiegend offensiv ausgerichteten Teams agierten nun defensiv und abwartend, was diese WM zu einer der langweiligsten überhaupt „verkommen“ ließ. Das große Problem lag darin, dass die Mannschaften noch keine Gegenmittel zu den deutlich kompakteren Defensivreihen fanden. Ob schnelles Konterspiel, Positionsrochaden oder anspruchsvolle Kombinationen waren zu dieser Zeit noch selten zu sehen.
Diese Entwicklung machte auch vor dem ausgeklügelten Defensivtaktiker Herberger nicht halt, der seine letzte WM als Chef erleben sollte. „Der Alte“, wie er respektvoll von der Mannschaft genannt wurde, war inzwischen 65 Jahre alt und hatte zunehmend Schwierigkeiten mit den Machenschaften des modernen Fußballs umzugehen. Obwohl er zur aktiven Spielerzeit selbst unerlaubt Prämien eingesackt hatte, konnte er sich nicht damit arrangieren, dass einige seiner Spieler in lukrativen Verhandlungen mit italienischen Profiklubs standen. Auch sein gut gemeinter Versuch in einer abgeschotteten Militärkaserne einen ähnlichen Geist wie in Spiez aufleben zu lassen schlug ins Gegenteil um und die daraus resultierende, deprimierte Stimmung färbte sich auf das deutsche Spiel ab. Zusätzlich schlug sein erbittertes Bemühen, den 41-jährigen Fritz Walter zu reaktivieren ebenso fehl, wie eine sinnvolle Lösung für die mit Durchschnittsspielern besetzten Außen zu finden.
Ausgerechnet im Auftaktspiel gegen die Italiener, welche in den folgenden Jahren als Meister und Erfinder des Catenaccio galten, gelang es zahlreiche Chancen zu erspielen, die eigentlich mit einem Sieg hätten belohnt werden müssen (unter anderem Lattentreffer durch Seeler und ein nicht gegebener Elfmeter nach Foul an Haller). Danach sank das Niveau der deutschen Elf jedoch von Spiel zu Spiel spürbar. Gegen den „Schweizer-Riegel“ brachte die DFB-Elf es fertig, trotz zwischenzeitlicher 2:0 Führung und verletzungsbedingter, einstündiger Überzahl, den Sieg bis zum Schlusspfiff nicht sicher zu haben. Gegen den schon qualifizierten Gastgeber reichte ein ganz müder Kick zum Gruppensieg, der das dritte Viertelfinalspiel in Folge gegen Jugoslawien bedeutete. Auch wenn die Südeuropäer bei weitem nicht so brillierten wie in vorangegangenen Turnieren, hatten sie mit acht Vorrundentoren dennoch die meisten aller Mannschaften erzielt. Folgerichtig setzten sie den WM-Träumen der Herberger Schützlinge mit einem späten Siegtreffer ein Ende, die nur eine einzige Großchance durch Seelers Pfostentreffer in der Anfangsphase verzeichnen konnten.
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13. Argentinien 1978 (Viertelfinale)
Von der glorreichen Weltmeisterelf war nicht mehr viel übrig geblieben. Müller, Overath und Grabowski waren 1974 zurückgetreten, Breitner überwarf sich 1975 mit dem bis heute erfolgreichsten Bundestrainer Helmut Schön, der schon vor Turnierbeginn seinen Rücktritt angekündigt hatte, Hoeneß beendete als Vizeeuropameister von 1976 auf Grund anhaltender Knieprobleme gezwungenermaßen seine Nationalmannschaftskarriere, der damalige Rekordnationalspieler Beckenbauer durfte wegen seines Amerika-Abenteuers nicht mehr nominiert werden und Vorstopper Schwarzenbeck war nur noch Kadermitglied.
Die Nachfolgemannschaft der ersten „goldenen Generation“ gehört fußballerisch sicherlich vor das 1986er- und 2002er-Auswahlteam. Die Tatsache, weshalb die zweifelsohne vorhandene spielerische Klasse von Spielern wie Rummenigge, Hansi Müller, Abramczik und dem vielleicht größten deutschen Techniker aller Zeiten – Heinz Flohe – nur selten auf dem Platz aufblitzen konnte hat vielschichtige Gründe, die ich nur kurz erwähnen will. Im damals militärdiktatorisch regierten Argentinien fiel die Quartierwahl, wie schon in Chile 1962, auf ein abgelegenes Militärgelände in Ascochinga, wodurch die angespannte Stimmung und Grüppchenbildung innerhalb der Mannschaft sicherlich nicht abebbte. Helmut Schön hatte in seinen letzten Amtstagen spürbar an Autorität verloren und keinen „Kaiser“ der ihm zur Seite stand. Darüber hinaus befanden sich einige Spieler in keiner guten Verfassung und die überragende Mittelachse mit Beckenbauer, Overath und Gerd Müller war komplett weggebrochen.
Zu allem Überfluss ließ der Quartiersbesuch eines ehemaligen Wehrmachtsoffiziers und zugleich überzeugten Nazis und die Zuneigung des DFB-Präsidenten Hermann Neuberger zum Militärregime, das Ansehen des Verbandes extrem sinken. Der Junta-Chef Jorge Rafael Vidal wurde mit folgenden Worten zitiert: „Wenn es notwendig zur Wiederherstellung des Friedens im Lande ist, dann müssen alle im Wege stehenden Personen sterben. Es müssen so viele Menschen wie nötig in Argentinien sterben, damit das Land wieder sicher ist.“
So trat die Mannschaft von Beginn an sehr behäbig auf und hatte große Probleme sich Chancen zu erarbeiten und anschließend zu verwerten. Entsprechend wundert es nicht, dass die Hälfte der Spiele mit Nullnummern (Polen, Tunesien und Italien) endete. Überzeugen konnte die DFB-Auswahl nur gegen die schwachen Mexikaner (6:0) und in einem mitreißenden Spiel gegen spielerisch starke Holländer (2:2), wo man gegen den späteren Finalisten sogar zweimal führte. Rückblickend auf den Gemütszustand innerhalb der Mannschaft, war die Schmach von Córdoba somit vorprogrammiert. Durch den späten Ausgleich lag der Finaleinzug nicht mehr in eigener Hand und beruhte nur noch auf theoretischer Basis, weshalb selbst das Adjektiv „lustlos“ die Einstellung in den ersten 45 Minuten gegen unsere österreichischen Nachbarn nicht beschreiben kann. Trotz spürbar engagierterer Leistung nach der Halbzeit, brachten grobe Abwehrschnitzer den scheidenden Bundestrainer um sein so sehnlichst gewünschtes Abschiedsspiel, zumindest um den dritten Platz, gegen Brasilien. Bitter für „den Langen“, dass der österreichische Radioreporter so kurz vor Schluss (87.) „narrisch“ werden durfte.
Durch viele großartige Leistungen der Mannschaften von 1966-1976, fühlten sich die damaligen Vorstellungen in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich schlechter an als sie letztlich waren und die Mannschaft wird heute leider komplett auf die peinliche Niederlage gegen die ÖFB-Auswahl reduziert.
Bleibt die Frage, warum Offensivverfechter Helmut Schön ausgerechnet in seinem letzten Turnier als Bundestrainer auf eine äußerst defensive Spielweise setzte und all seine Nachfolger von dieser, bis zu Jürgen Klinsmanns Amtsantritt, nicht mehr abgewichen sind?
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12. Südkorea und Japan 2002 (Finale)
Der Tiefpunkt in der Länderspielhistorie des DFB wurde zweifelsohne bei der EM 2000 erreicht. Deshalb waren die Erwartungen an das Team, zumal nach einer Zitterqualifikation mit den Play-offs gegen die Ukraine, so gering wie 1954 nicht mehr (übrigens mein erstes Turnier mit damals 9 Jahren). Es gab schlicht und einfach fast keine Spieler in Deutschland, mit Ausnahme von Oliver Kahn, Michael Ballack und Bernd Schneider, die internationales Format verkörperten.
Der ergebnismäßig gute Start gegen ein äußerst limitiertes Saudi-Arabien, mit dem höchsten deutschen WM-Sieg aller Zeiten (8:0), konnte die spielerischen Mängel nicht kaschieren. Nachdem in der Schlussphase gegen Irland förmlich um den Ausgleich gebettelt wurde, musste im letzten Gruppenspiel gegen die Kameruner um die Achtelfinalqualifikation gezittert werden. Bis zur dummen gelb-roten Karte von Ramelow, wobei der Schiedsrichter mit sage und schreibe 16 gelben Karten übertrieben viele zeigte, war das deutsche Spiel von großer Nervosität und katastrophaler Abwehrarbeit geprägt, in der einzig Oliver Kahn die DFB-Elf im Spiel hielt. Ein frühes Tor nach der Pause beruhigte dann die Nerven aller und kurz nachdem die Partie auf 10 gegen 10 gestellt worden war, sorgte Miroslav Klose für die Entscheidung. Wer daraufhin gedacht hatte es geht nicht schlimmer, sah sich dann leider eines Besseren belehrt. Sowohl die Partie gegen Paraguay als auch gegen die USA hatten wenig bis gar nichts mit Fußball zu tun. Die deutschen Torchancen aus dem Spiel heraus, konnte man von beiden Spielen an einer Hand abzählen! In der Partie gegen die von Cesare Maldini defensiv eingestellten Südamerikaner war wenigstens unser Tor nicht bedroht. Im Viertelfinale musste Oliver Kahn allerdings schon sein bestes Länderspiel auspacken, um die Gelegenheiten der ebenfalls schwachen US-Boys zu vereiteln. Vorne fehlte es dem deutschen Spiel an jeglicher Geschwindigkeit und Ideen, wozu sich auch noch etliche Fehlpässe aufgrund der nicht vorhanden Klasse gesellten und hinten war die Abstimmung ein einziges Desaster. Die Abstände zwischen der Dreier- bzw. Fünferkette waren zuweilen schlecht und zwischen Abwehr und Mittelfeld einfach nur verheerend. Wie das Spiel verlaufen wäre, wenn die US-Amerikaner nach Frings‘ Handspiel auf der Linie die Möglichkeit zum Ausgleich bekommen hätten, will ich mir gar nicht vorstellen.
Wie das Trainerteam jedenfalls die Defensivarbeit der Mannschaft im Halbfinale und Finale taktisch so verbessern konnte bleibt mir ein Rätsel. Die auf einer Euphoriewelle schwimmenden südkoreanischen Gastgeber, die nach zweimaliger Verlängerung mit zunehmender Spieldauer kräftemäßig stark abbauten, wurden deshalb nahezu 90 Minuten in Schach gehalten und hochverdient mit 1:0 bezwungen. Der Finaleinzug dieser stark limitierten Truppe war damit perfekt und beruhte auf einer tollen Mentalität gepaart mit einem starken Willen und Charakter. Ein glänzend aufgelegter „Titan“ verhalf die Schwächen der Defensive zu kompensieren und den großen Nationen konnte man aus dem Weg gehen, da sie sich, unter gütiger Mithilfe der Schiedsrichter, gegen Südkorea selbst eliminierten (Portugal, Italien und Spanien). Leider fehlte beim ersten WM-Duell mit Rekordweltmeister Brasilien der beste deutsche Feldspieler Michael Ballack gelbgesperrt. Die „Seleção“ war zwar das mit Abstand beste Team gewesen, aber hatte in einem insgesamt eher schwachen Weltturnier ebenfalls nur selten glänzen können und sich komplett auf die individuelle Klasse der Ausnahmespieler Rivaldo, Ronaldinho und Ronaldo verlassen. Als krasser Underdog konnte Deutschland wie befreit aufspielen und gestaltete die Partie, wenn auch die fußballerische Klasse der „Sambakicker“ immer mal wieder aufblitzte, über weite Teile des Spiels ausgeglichen. Einzig in den letzten zehn Minuten vor dem Pausentee erspielten sich die Brasilianer ein klares Übergewicht und hatten den Führungstreffer mehrmals auf dem Fuß. Bis auf den Aluminiumtreffer durch Neuvilles Freistoß (49.) gab es keine nennenswerten deutschen Möglichkeiten und als Hamann einen tödlichen Ballverlust vor dem eigenen 16er fabrizierte, wurde die Partie in der 67. Spielminute durch einen Fehlgriff des als besten Spieler des Turniers ausgezeichneten Oliver Kahn entschieden. Den Abpraller nutzte Ronaldo, „Il Fenomeno“, eiskalt aus und schoss so viele Tore (8) wie seit 1970 keiner mehr.
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11. Mexiko 1986 (Finale)
Von der einen äußerst limitierten Mannschaft zur nächsten äußerst limitierten Mannschaft…
Die Begeisterung für die Bundesliga und Nationalmannschaft hielt sich vor der WM in Grenzen. Das erste Vorrundenaus bei einem Turnier (wobei die EM 1984 noch mit acht Mannschaften startete) und die peinlichen Vorstellungen bei der vorigen Weltmeisterschaft hatten das Interesse an Deutschlands Lieblingssport spürbar senken lassen. Nach dem Bundesligaskandal Anfang der 70er Jahre verzeichnete die deutsche Eliteklasse den zweitschlechtesten Zuschauerschnitt (18.406) aller Zeiten und der von Boris Becker ausgelöste Tennis-Boom war ein ernst zu nehmender Konkurrent geworden. Der jüngste Nationaltrainer seit Otto Nerz – Teamchef Franz Beckenbauer (40) – war um seine Auswahl wirklich nicht zu beneiden. Von internationaler Klasse konnte bis auf wenige Ausnahmen keine Rede sein und die stärksten Offensivkräfte mussten auch noch angeschlagen durch das Turnier geschleppt werden (Rummenigge und Völler). Die „Lichtgestalt“ war angespannt, schnell reizbar und sichtlich überfordert mit dem großen Druck, was er auf naive Weise gegenüber der Presse und Mannschaft zeigte: „Wenn ich ganz ehrlich urteile, wären wir nur mit fünf Spielern in Mexiko…In der Bundesliga spielt nur noch Schrott…Weltmeister werden wir nicht, das kannst’ eh vergessen.“
Seine Behauptungen schienen sich, in der schlechtesten Vorrunde die eine DFB-Elf jemals spielte, zu bewahrheiten. Gegen die „Urus“ (1:1) und mit wenigen Ausnahmen gegen die Schotten (2:1) und Dänen (0:2) hatte man erhebliche Probleme Torchancen zu erarbeiten und fabrizierte nahezu nur „Schrott“ und lud die Kontrahenten auch noch zum Tore schießen ein. Glück im Unglück: Der zweite Gruppenplatz ermöglichte ein einfacheres Programm im weiteren Turnierverlauf und Gruppensieger Dänemark schied stattdessen hochkant mit 1:5 gegen Spanien aus.
Nebenbei lieferte man etliche Schlagzeilen aus dem Mannschaftsquartier, wo Spieler nachts ausbüxten, Schumacher („Kölner Tisch“) Intrigen gegen Rummenigge („Münchner Tisch“) führte und sich Ersatzkeeper Stein in der Halbzeitpause gegen Uruguay auf dem Platz sonnte und den Teamchef als „Suppenkasper“ bezeichnete.
Währenddessen mogelte sich das Team von Runde zu Runde. Das langsame Aufbauspiel war durch die klimatischen Bedingungen in den einzelnen Spielorten noch entschuldbar gewesen, aber die Fehlpassquote war einfach nur unsäglich. Wie auch die Turniere in Brasilien und den USA waren die Weltmeisterschaften in Mexiko von zum Teil extremer Hitze geprägt, wozu sich hier auch noch die dünne Höhenluft gesellte. Durch die TV-Vermarktung musste natürlich zusätzlich der Spielplan den europäischen Bedürfnissen angepasst und in der brütenden Mittags- und Nachmittagshitze gespielt werden.
Im Achtelfinale genügte gegen komplett passive Marokkaner ein später Freistoßtreffer Matthäus‘, da die zufällig bietenden Möglichkeiten kläglich vergeben wurden. Im Duell mit den enthusiastisch angefeuerten Mexikanern hat das DFB-Team in 120 Minuten nur eine nennenswerte Torchance durch Allofs gehabt, die wie das deutsche Team nur auf eine stabile Defensive Wert gelegt und mit etlichen Fouls den Spielrhythmus komplett gebrochen haben. Nachdem sich Berthold zu einer Tätlichkeit (65.) hinreißen ließ, versuchten die Gastgeber die Gunst der Stunde zu nutzen, indem sie die deutsche Defensive öfters in Verlegenheit brachten und den im gesamten Turnierverlauf überragenden Schumacher, kurz vor der Verlängerung, zu einer Glanzparade zwangen. Ab da schwand die Kraft der Mittelamerikaner zusehends und nach einem überflüssigen Bodycheck an Matthäus (98.), war „El Tri“ froh das Elfmeterschießen erreicht zu haben, wo ihnen die Nerven dann allerdings einen Streich spielten. Im Halbfinalspiel, gegen den amtierenden Europameister und Topfavoriten Frankreich (Platini, Giresse, Tigana und Amoros), der sowohl Weltmeister Italien als auch die „Zauberer vom Zuckerhut“ (Careca, Sócrates, Zico und Josimar) aus dem Turnier geworfen hatte, wuchs die Mannschaft über sich hinaus. Völlig überraschend zeigten Magath, Matthäus und Co. ansehnlichen Kombinationsfußball und brachten die wackelige Abwehr der „Équipe Tricolore“ einige Male in Verlegenheit. Einzig die mangelhafte Chancenverwertung musste die heimischen Fans bis zum Ende zittern lassen, da die überragende deutsche Abwehr natürlich nicht jeden Angriff der insgesamt enttäuschenden Franzosen stoppen konnte (über zehn Mal ins Abseits gelaufen). So stand die DFB-Auswahl, die noch vor Turnierbeginn vom eigenen Trainer verspottet wurde, sensationell im Finale gegen Maradonas Argentinien. Auf einem ganz schlechten Platz wurde jedoch so wenig Fußball gespielt wie nachher oder vorher nur noch 1994 zwischen Italien und Brasilien. Nach einer frühen Führung, wo Schumacher an einer Freistoßflanke vorbeisegelte (23.), ließen die Argentinier ihr können nur noch selten aufblitzen und waren nach einem blitzsauberen Konter (56.) einzig mit unerträglichem Zeitspiel darauf bedacht, den komfortablen Vorsprung zu verwalten. Im Wissen um die harmlose DFB-Offensive ging dieses Spiel bis zum Ausgleichstreffer (81.), nach zwei Brehme-Eckstößen, gut. Anstatt die moralisch angekratzten Südamerikaner danach ruhig zu bespielen, ermöglichten die im „Ausgleichstaumel“ befindlichen und viel zu hoch aufgerückten Deutschen dem bis dahin blassen Maradona, mit einem Geistesblitz (84.), das Finale zu entscheiden.
Wie später auch die 2002er-Mannschaft wurden die Beckenbauer-Schützlinge begeisternd empfangen, da sie alles gegeben und deutlich mehr erreicht hatten als alle erwartet haben.
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10. USA 1994 (Viertelfinale)
Berti Vogts wurde bisher als einziger Bundestrainer die hohe Bürde auferlegt, den amtierenden Weltmeister zu übernehmen. Die unüberlegte Aussage, des im Siegestaumel befindlichen Weltmeistertrainers Franz Beckenbauer, erhöhte den Druck sogar nochmals: „Ich glaube, dass die deutsche Mannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird. Das tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir werden für die nächsten Jahre nicht zu besiegen sein.“ Nachdem die Mannschaft gegen die eigentlich schon im Urlaub verweilenden Dänen im EM-Finale 1992 kläglich verloren hatte, stand Vogts schon mit dem Rücken zur Wand, obwohl er einem eigentlichen leidtun musste. Im Nachhinein betrachtet, wurde die seit einigen Jahren schon ungenügende Nachwuchsarbeit durch den „Triumph von Rom“ komplett ignoriert. Die einzigen U26-Spieler waren Effenberg, der nach der Vorrunde wegen seiner „Stinkefinger-Affäre“ heimreißen musste, Basler und Kahn. Von den ehemaligen DDR-Nationalspielern schaffte es letztlich auch nur der Weltklassespieler Matthias Sammer nachhaltig für Aufsehen zu sorgen. Mit Schneider, Ballack und Kroos gab es übrigens nur noch drei weitere gebürtige DDR-Bürger, die der Nationalelf ihren Stempel aufdrücken sollten.
Der amtierende Weltmeister trat dann in der Gruppenphase so auf, wie es sich für eine erfahrene Mannschaft gehörte. Mit jeweils acht Weltmeistern in der Startelf tat man in der brütenden Nachmittagshitze von Chicago bzw. Dallas nicht mehr als nötig. Die individuelle Klasse von Häßler, Matthäus, Möller und dem neben Sammer in überragender Form befindlichen Klinsmann (sein bestes Turnier) sorgte für einen verdienten Gruppensieg, den man in einer „vogelwilden“ Schlussphase nach sicherer 3:0 Führung gegen unbekümmerte Südkoreaner fast noch an die Spanier hätte abtreten müssen. Angeführt vom überall befindlichen Sammer war die DFB-Elf auf den Punkt perfekt vorbereitet in die nun beginnenden „Alles oder Nichts“-Spiele gegangen. Aggressiv, früh attackierend, konzentriert, kombinationsfreudig, über Außen Dampf machend (Brehme musste nach schwachen Leistungen für Wagner weichen) und mit dem glänzend aufgelegten Startelfdebütanten Völler, hätte man die eigentlich defensivstarken Belgier aus dem Stadion schießen müssen. Allein Klinsmann ergaben sich so viele 100-prozentige Gelegenheiten, sodass er sich in diesem Spiel zum Torschützenkönig hätte küren können. In Erinnerung an die unsichere Schlussphase gegen Südkorea konnte man froh sein, dass den Belgiern ein berechtigter Elfmeter (67.) verwehrt wurde und der Anschlusstreffer erst in der Schlussminute fiel. Gegen den überraschenden Viertelfinalisten aus Bulgarien zeigte Deutschland ebenfalls eine ansprechende Performance. Auch wenn die Offensivleistung längst nicht so eindrucksvoll war, hatte man in der eigenen Verteidigung alles im Griff, ließ bis auf einen Pfostentreffer in der Anfangsphase nichts zu und ging verdient in Führung (49., FE). Danach kontrollierte die DFB-Elf das Spiel und hatte mit Häßler und Möllers Pfostenschuss sogar die Chancen zu erhöhen. Quasi im Gegenzug sorgte Stoitschkow (75.) mit einem Freistoß und kurz darauf Letschkow, mit den ersten bulgarischen Gelegenheiten in der 2. Halbzeit, für das unglückliche Aus der deutschen Elf. Mit dem verletzt fehlenden Sammer wäre das wahrscheinlich nicht passiert und mit Blick auf die schwach auftretenden Halbfinalisten wäre der Titelgewinn kein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert.
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9. Schweden 1958 (Halbfinale)
Die Euphorie um die Weltmeistermannschaft war angesichts von zwölf Niederlagen in den darauffolgenden 17 Spielen schnell großer Ernüchterung gewichen. Auch die erfreulichen acht Siege in den letzten zehn Spielen vor der anstehenden Weltmeisterschaft, ließ die Hoffnungen auf ein erfolgreiches Abschneiden nicht allzu groß werden. Deshalb hatte der DFB vorsichtshalber noch vor Turnierbeginn Rückfahrtickets für nach dem Viertelfinalspiel gebucht. Bis auf Schäfer und Eckel standen Herberger keine Spieler mehr aus der Weltmeisterelf zur Verfügung, sodass er händeringend versuchte, sowohl den zurückgetretenen Fritz Walter zu reaktivieren, als auch den in herausragender Form befindlichen Helmut Rahn zu begnadigen. Dieser war Betrunken in eine Baugrube gefahren und wurde anschließend sogar kurz inhaftiert, da er sich eine Prügelei mit der Polizei geleistet hatte. Schlussendlich konnte für das Auftaktspiel gegen den amtierenden Copa América-Sieger und Topfavoriten Argentinien, der allerdings zwangsläufig auf einige im Ausland beschäftigen Spieler verzichten musste, mit Walter, Rahn, Schäfer, Eckel und den beiden Jungstars Seeler und Szymaniak eine schlagkräftige Truppe auf den Platz geschickt werden.
Anmerkung: Die Bewertung der Leistungen aus den 1950er Jahren ist sicherlich am Schwersten, da es mit Abstand am wenigsten Bildmaterial von diesen Turnieren gibt und ich mich auch auf historische Artikel berufen muss. Einzig vom Finale 1954 und Halbfinale 1958 gibt es längere Videos (ca. 40 Minuten).
Trotz starker Darbietungen wurde die Vorrunde, in der schweren Gruppe, nur mit Mühe und Not überstanden. Grobe Abwehrfehler machten der deutschen Mannschaft das Leben schwerer als es sein musste. Gegen die Südamerikaner wurde der frühe Rückstand, durch eine kämpferische Leistung, letztlich souverän in einen Sieg verwandelt. Gegen die niedergeschlagenen Tschechoslowaken hätte die DFB-Elf das Viertelfinale in der Schlussphase eigentlich eintüten müssen und scheiterte an der eigenen Chancenverwertung, wobei man zwischenzeitlich froh sein musste überhaupt den 0:2 Rückstand aufgeholt zu haben. Gegen die konterstarken Nordiren brannte die Mannschaft ein wahres Offensivfeuerwerk ab und lief dennoch einem zweimaligen Rückstand hinterher. Durch den späten Ausgleichstreffer (77.) war nicht nur das Weiterkommen sondern auch der Gruppensieg gesichert. In einem ähnlichen Spiel, wie vier Jahre zuvor, entwickelte sich gegen offensivstarke Jugoslawen eine Abwehrschlacht. Da der mit einer tollen Einzelaktion aus spitzem Winkel erzielte Führungstreffer durch Rahn, der in fünf von sechs Spielen einnetzen konnte, durch kläglich ausgespielte Konterchancen nicht erhöht wurde, musste bis zum Schluss um das Duell gegen Schweden gezittert werden. Dort sorgten die heimischen Fans mit Lautsprechern und Einpeitschern für einen Hexenkessel, wie ihn die deutschen Spieler noch nicht erlebt hatten. Merklich beeindruckt rollte Angriff um Angriff auf die deutsche Verteidigung zu, deren große Lücken auf Außen und zwischen den Schnittstellen aufgezeigt wurden. Glücklicherweise waren die spielerisch guten Schweden entweder zu unpräzise im Abschluss, letzten Pass oder ein deutsches Abwehrbein rutschte so gerade noch dazwischen. Nach der urplötzlichen Führung (24.) durch eine sensationelle Volleyabnahme Schäfers, gestaltete Deutschland das Spiel ausgeglichen. Leider beeinflusste dann der Schiedsrichter den Verlauf der Partie immer mehr. Beim Ausgleich (32.) nahm der Vorlagengeber den Ball mit der Hand mit, zu Beginn der zweiten Halbzeit wurde Seeler ein Elfmeter verweigert und Juskowiak nach einem harmlosen Pressschlag (59.) vom Platz gestellt. Als dann auch noch Fritz Walter nach grobem Foulspiel verletzungsbedingt vom Feld getragen wurde, hatten die großartigen Schweden um Gren, Liedholm, Skoglund und Hamrin leichtes Spiel den Finaleinzug in der Schlussphase perfekt zu machen.
Im Platzierungsspiel war die auf einigen Positionen veränderte Elf überfordert gegen die Franzosen und ermöglichte es Just Fontaine, beim 3:6, vier Treffer zu erzielen. Damit wird seine Marke von 13 Turniertoren wohl für ewig unerreicht bleiben.
Aus der Biografie „Sepp Herberger. Ein Leben, eine Legende.“, von Jürgen Leinemann, sind übrigens die Turnierunkosten des DFB zu entnehmen. Für Ausrüstung, Verpflegung, Quartier, Arbeitsausfall, Reisekosten und Prämien gab der Fußballverband 89.354 DM für die Weltmeisterschaft aus.
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8. Deutschland 2006 (Halbfinale)
Hätte ein passenderes Logo als die „Celebrating Faces Of Football“ für die WM im eigenen Land entworfen werden können? Unter dem Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ und begleitet vom offiziellen Song „Zeit, dass sich was dreht“ wurde ein nicht für möglich gehaltenes Fußball-Fest in Deutschland gefeiert. Vier Wochen lang schönstes Sommerwetter, Party-Stimmung auf den Public Viewing-Plätzen, Fans aus den unterschiedlichsten Kulturen die sich zusammen in den Armen lagen und eine wie entfesselt aufspielende deutsche Nationalmannschaft.
Das war nach der offensiven Armutsdarbietung bei der EURO 2004 und den zum Teil erschreckend schwachen Testspielen im WM-Jahr (1:4 in Italien, 1:2 in der Türkei, 0:2 in der Slowakei und nur 1:0 gegen China) nicht zu erwarten. Doch der 2004 mit einem sehr ehrgeizigen Projekt angetretene Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat es geschafft, den in seinen altmodischen Strukturen festgefahrenen Verband beinahe komplett umzukrempeln und seinem Aushängeschild ein modernes, attraktives Gesicht zu verpassen. Wenngleich das ausgegebene Ziel - der Weltmeistertitel - verpasst wurde, so hat er doch die Basis für die konstanten Erfolge in der Löw-Ära gelegt. Im Bewusstsein nicht die spielerische Klasse und Vielzahl an internationalen Top-Stars zu besitzen musste innovativ gearbeitet werden. Ein größerer Mitarbeiterstab wurde installiert (u.a. Fitnesstrainer, ein Psychologe und Teammanager) um noch gezielter Ausdauer, Dynamik und Schnelligkeit ins Spiel zu bringen und sein Co-Trainer Löw hat im Hintergrund daran gearbeitet, die erheblichen Rückstände in taktischer und spielerischer Hinsicht zu verringern.
Wenn man sich die Spiele aus heutiger Sicht ansieht, waren die Leistungen noch meilenweit von Südafrika 2010, Polen/Ukraine 2012 und besonders Brasilien 2014 entfernt. Damals waren die deutschen Fußballfans jedoch seit Jahren nicht mehr verwöhnt worden und die Nationalmannschaft sorgte von Spiel zu Spiel dafür, dass die Begeisterung stetig stieg und letztlich im Sommermärchen mündete.
Abgesehen von der ersten Halbzeit gegen Costa Rica (4:2) und der in Überzahl agierenden Schlussviertelstunde gegen Polen (1:0) tat sich die DFB-Auswahl sehr schwer in der Offensive. Besonders gegen aggressive und früh störende Polen fehlten die spielerischen Mittel um Torchancen zu kreieren und sich vom Druck zu befreien. Das erlösende Siegtor in der Nachspielzeit ließ im stimmungsvollen Dortmunder Westfalenstadion natürlich alle Dämme brechen und von da an ging das Team Hand in Hand mit den Fans durchs Turnier. Beeindruckend war vor allem die zuvor nicht gekannte aktive Verteidigungsarbeit, die nach anfänglichen Problemen, als die gegnerischen Mittelfeldspieler in den Zwischenräumen zu viel Zeit und Platz bekamen, zusehends besser funktionierte. Ebenfalls wurden die Ballbesitzzeiten der einzelnen Spieler deutlich verringert. Einzig das gewünschte schnelle Umschalten funktionierte in den entscheidenden K.o.-Spielen nur mäßig.
Nachdem der Gruppensieg in einem müden Sommerkick, wo man sich nach früher Führung auf das schwache Niveau der kräfteschonenden Ecuadorianer (fünf Stammspieler fehlten) begab, eingetütet war, folgte eine mitreißende erste Halbzeit gegen völlig überforderte Schweden, die zum Besten zählt was eine deutsche Elf bei Turnierspielen abgeliefert hat. Anschließend gab es gegen den ersten „Großkaliber“ Argentinien ein defensiv geprägtes Spiel, das auf beiden Seiten von Hektik, Nickligkeiten und Foulunterbrechungen geprägt war, wodurch kein wirklicher Spielfluss zustande kam und es an Torraumszenen mangelte. Leider fehlte der für die defensive Stabilität enorm wichtige Frings im Halbfinale, da er in die unschöne Rauferei nach Spielschluss verwickelt war. In Dortmund entwickelte sich ein nicht zu erwartendes Spiel mit offenen Visieren, indem die Italiener die reifere Spielanlage besaßen, abgezockter und cleverer agierten und somit als verdienter Sieger den Endspieltraum der jungen deutschen Mannschaft beendeten.
In einem offenen Spiel um Platz 3 sorgte die immer überlegenere DFB-Elf mit dem 3:1 Sieg über Portugal dafür, dass sowohl nach Spielende als auch am darauffolgenden Tag auf der Fanmeile in Berlin, ein berauschender und verdienter Abschied gefeiert werden durfte.
Bei mir kommen jedenfalls immer schöne Erinnerung hoch, wenn ich Spiele oder Spielszenen von 2006 mit Spielern wie Schneider, Klose, Ballack, Frings, Neuville, Schweinsteiger, Podolski oder Lahm sehe.
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7. England 1966 (Finale)
Nach dem enttäuschenden Abschneiden bei der letzten Weltmeisterschaft gab es einen großen Umbruch im deutschen Fußball. Wie so häufig musste dem DFB durch sportlichen Misserfolg die Augen geöffnet werden. Das erbitterte Festhalten am Amateurstatus war nicht mehr zeitgemäß und um internationale Konkurrenzfähigkeit wiederzuerlangen, benötigte es eine Profiliga in der sich die Besten Woche für Woche messen konnten. Im Fußballmutterland England wurde schon 1888 eine Profiliga eingeführt und bis auf die ebenfalls starrsinnigen Holländer (1956), zogen Spanien (1928), Italien (1929) und Frankreich (1932) deutlich früher nach als der DFB 1962. Der zweite große Einschnitt kam wenig später auf dem Trainerstuhl. Nicht ganz freiwillig trat der autoritäre Sepp Herberger nach 28 Amtsjahren von seinem Posten zurück. Nachfolger wurde sein bisheriger „Co.“ Helmut Schön, der ab 1964 einen ganz anderen Führungsstil einführte und den Spielern mehr Freiheiten und Mitbestimmungsrecht einräumte. Seine erste Bewährungsprobe hatte der Dresdner hingegen schon in der Qualifikation zu meistern. Im vorgezogenen Endspiel um den Gruppensieg in Schweden ließ er den jungen Franz Beckenbauer debütieren und wurde mit einem 2:1 Sieg belohnt. In England hatte der frühere Stürmer, der dem Angriffsspiel zugeneigt war, die wahrscheinlich beste Mannschaft seit 1954 beisammen und konnte seine Vorstellungen mit den vier glänzend harmonierenden Haller, Seeler, Beckenbauer und Overath über weite Strecken im Turnier umsetzen. Mit einer 5:0-Gala gegen die Eidgenossen avancierte das DFB-Team gleich zu einem der Topfavoriten, wenn auch das Niveau gegen die stärkeren Argentinier und Spanier nicht gehalten werden konnte. In einem von argentinischer Seite brutal geführten Spiel gab es wenig Fußball zu sehen und dementsprechend ein 0:0. Gegen eine gefällig kombinierende „Furia Roja“ ließ man zwar wenig bis gar keine Torchancen zu, aber spielte passiv agierend lange mit dem Feuer, bis Held durch eine Energieleistung den 2:1 Siegtreffer durch Seeler vorbereitete.
Unter den letzten Acht angekommen wartete mit Uruguay die zweite „Tretertruppe“ vom Río de la Plata. In der ersten Halbzeit war es noch eine offen geführte Partie in der es rauf und runter ging. Zunächst konnte Uruguay einen Lattentreffer und einen auf der Linie geklärten Schuss (möglicherweise durch die Hand Schnellingers) für sich verbuchen. Kurz darauf ging Deutschland durch einen abgefälschten Schuss durch Held glücklich in Führung und mit zunehmender Spieldauer wurden die Südamerikaner, wie auch schon die Argentinier, immer aggressiver. Diesmal flogen sogar zwei Spieler vom Platz (49. und 54.) wodurch Seeler, Beckenbauer und Haller sehr viel Platz zum Zaubern bekamen und die „Himmelblauen“ mit 4:0 aus dem Stadion schossen. In der Vorschlussrunde war mehr oder weniger wieder ein 9 gegen 11 angesagt. Schon seit der Anfangsphase humpelte der sowjetische Akteur Szabo, wegen eines Trittes von Beckenbauer, nur noch über den Platz und der starke Tschislenko, gefrustet vom 0:1 durch Haller, musste wegen Nachtretens noch vor der Pause „duschen gehen“. Das bis dahin ausgeglichen Spiel konnte somit in der zweiten Halbzeit souverän über die Runden gebracht werden, da der Anschlusstreffer (88.) zu spät kam.
Das mit Spannung erwartete Finale zwischen den Dauerrivalen wurde für damalige Verhältnisse mit sehr hohem Tempo geführt. Nachdem die DFB-Elf das Spiel in der ersten Halbzeit noch ausgeglichen gestalten konnte waren die Engländer in der zweiten Hälfte klar überlegen und mussten durch den Ausgleichstreffer in der 90. doch noch in die Verlängerung. Der hohen Spielgeschwindigkeit Tribut zollend waren die Briten aber weiterhin das bessere Team und kürten sich durch das Wembley-Tor zum neuen Weltmeister.
Als Gewinner konnte sich die DFB-Auswahl dennoch fühlen, weil sie eine bisher noch nie da gewesene Spielfreude gezeigt hatte und zudem viele Sympathien im Ausland, durch die sehr faire Reaktion auf den umstrittenen Treffer, gewann.
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6. Italien 1990 (Weltmeister)
Konnte es einen schöneren Zeitpunkt und Ort geben als 1990 im Land des Fußballs Weltmeister zu werden? Die Serie A war sportlich, infrastrukturell und finanziell die mit Abstand lukrativste Liga. Zudem war der Fußball in „Bella Italia“, im Gegensatz zum Rest von Europa, schon für längere Zeit im Mittelpunkt der Gesellschaft angekommen. Nicht umsonst verdienten Matthäus, Klinsmann, Brehme (Inter), Völler und Berthold (Roma) zur damaligen Zeit ihr Geld im Gastgeberland und mit Häßler, Kohler, Riedle, Möller und Reuter folgten ihnen etliche Weltmeister nachträglich. Der politische Umsturz in den Ostblockstaaten ließ im sich ankündigenden Wiedervereinigungstaumel zudem ein nicht gekanntes – vielleicht auch übertriebenes – „Schwarz-Rot-Gold-Gefühl“ für die DFB-Elf aufleben, was nicht nur die Männer sondern auch erstmals die Frauen und DDR-Bürger überkam.
Der Grundstein wurde jedoch so knapp wie nie zuvor gelegt. Da die DFB-Elf in der Qualifikationsgruppe gegen den amtierenden Europameister Niederlande, gegen den man bei der Heim-EM 1988 im Halbfinale ausgeschieden war, erneut den Kürzeren zog, musste gegen Wales bis zum Schluss ums WM-Ticket gezittert werden.
Einmal in Italien angelangt passte sich die Nationalelf mit ihrer defensiven Spielweise den gezeigten Leistungen der anderen Teilnehmer nahtlos an, weshalb der geringste Tordurchschnitt einer Fußball-Weltmeisterschaft mit 2,21 Toren verzeichnet wurde. Stellt sich die Frage warum die 1990er-Mannschaft dennoch so hochgejubelt wird? Erstens hatte sie tolle Spielerpersönlichkeiten zu bieten, zweitens bekamen die deutschen Fans davor und danach lange Zeit weniger geboten, drittens hatten die Anhänger bei keinem zuvor siegreichen WM-Team das Gefühl, dass es die beste Mannschaft des Turniers gewesen war (Ungarn 1954 bzw. Holland 1974), viertens hatte die 1990er-Truppe bis 2014 als letztes deutsches Team die WM-Trophäe in Empfang nehmen dürfen und fünftes werden viele schöne Erinnerungen mit dieser Auswahl verknüpft.
Sportlich beruhte das ganze Konzept auf einer kompakten Defensive und im Angriff wurde weitestgehend nach Franz Beckenbauers „Schau’n mer mal“ verfahren. Angeführt vom überragenden Lothar Matthäus, der im Zenit seiner Schaffenskraft stand und 1991 zum ersten Weltfußballer gekürt wurde, gab es in jeder Partie einen anderen Spieler, der aus dieser individuell stark besetzten Mannschaft herausstach und letztlich den Unterschied ausmachen sollte. Das Auftaktspiel gegen starke Jugoslawen hat der Kapitän höchstpersönlich in die Hand genommen und führte mit seinem Weltklasse-Solo (61.) die Entscheidung herbei, wonach seine Elf wie entfesselt aufspielte und sich im Bewusstsein der eigenen Stärke durch das Turnier tragen ließ. Wie schon gegen die am Ende einknickenden Jugoslawen (4:1) hätte die DFB-Elf auch die völlig überforderten Emirate (5:1) mit etwas mehr Konsequenz abschießen können. Im letzten Gruppenspiel gegen Kolumbien (1:1) tat die Mannschaft nur noch so viel wie nötig, da ihr der erste Platz nur noch praktisch zu nehmen war und es stand früher als erwartet die Revanche mit den Holländern an. „Oranje“ kam in der Vorrunde nicht richtig in Tritt und es musste nach drei mageren Unentschieden ein Losentscheid zwischen den punkt- und torgleichen Iren herangezogen werden, wodurch die Niederlande nur als Gruppendritter weiterkam. Das brisante Duell befand sich damals auf seinem Höhepunkt und es wurden Ausschreitungen zwischen den hasserfüllten Fanlagern befürchtet, welche durch die Spieler bei der letzten Europameisterschaft zusätzlich angeheizt wurden. Glücklicherweise blieb es dann in der Stadt und auf den Rängen ruhig und nur die Stimmung auf dem Rasen kochte teilweise über. Das Spiel überließ die deutsche Mannschaft nahezu komplett der niederländischen „Elftal“ und zeigte deutlich, dass die Ausrichtung für die K.o.-Duelle nur noch auf der Verteidigung lag. Bezeichnend, dass diese Mannschaft der einzige Weltmeister ist, der ab dem Viertelfinale kein Tor mehr aus dem Spiel heraus erzielen sollte. Im Nachbarschaftsduell übernahm die Niederlande also die Spielkontrolle und verbuchte in der Anfangsphase gleichmal zwei große Möglichkeiten. Deutschland hatte Probleme Zugriff auf die Partie zu bekommen, bis Rijkaard die Nerven verlor, Völler rüde foulte, provozierte und vom Platz flog. Leider hatte der Schiedsrichter das Geschehen nicht im Griff und schickte „Tante Käthe“, der anschließend von „Lama“ Rijkaard mehrfach bespuckt wurde, ebenfalls vorzeitig zum Duschen. Fortan entwickelte sich ein ausgeglichenes Spiel und der Verlust eines wichtigen Abwehrspielers, wog bei den Holländern schwerer als der Offensivausfall bei den Deutschen. Kurz nach der Pause nutzte der zur Hochform auflaufende Klinsmann eine erstklassige Vorarbeit von Defensivspezialist Buchwald zum 1:0. Danach gab es hochkarätige Torgelegenheiten auf beiden Seiten und Brehmes herrlicher Schlenzer (85.) entschied die packende, emotionale Partie für die DFB-Auswahl. Eine mit ihren Chancen schlampig umgehende deutsche Elf, ließ den „Kaiser“ im Viertelfinale gegen die Tschechoslowakei wegen des knappen 1:0 erzürnen und Augenthaler ist sich bis heute nicht sicher, ob seine Erregung bis zum Halbfinale abgeklungen war. Nachdem die Engländer engagiert begannen entwickelte sich eine abwartende Partie, in der die Nationalmannschaft nach der Pause erstmals die Initiative ergriff und prompt in Führung ging. Im Anschluss daran agierte man jedoch wieder viel zu passiv, hatte Glück das den Engländern ein berechtigter Elfmeter verwehrt blieb und erfragte sich förmlich den Ausgleichstreffer durch Lineker. Die nun folgende Verlängerung wurde wider Erwarten ein temporeiches Spektakel, wo beide Seiten die Entscheidung suchten, mehrmals am Siegtreffer schnupperten und das DFB-Team die Oberhand im Elfmeterschießen behielt.
Im dritten Finale in Folge, ein Rekord den Brasilien von 1994-2002 egalisieren konnte, kam es zur Neuauflage des 1986er-Finals. Diesmal warteten dezimierte Argentinier, die zu keiner Zeit des Endspiels eine Chance besaßen und die Partie zu einer langweiligen Angelegenheit werden ließen. Da die DFB-Auswahl unbedingt einen Rückstand vermeiden wollte, waren die Offensivbemühungen über weite Teile des Spiels nicht sehr zwingend und es bedurfte letztlich einem schmeichelhaften Elfmeter, um sich verdient zum dritten Mal Weltmeister nennen zu dürfen.
Es sollte, wie im vielleicht schönsten WM-Lied aller Zeiten von der Rocklegende Gianna Nannini besungen, ein italienischer Sommer („Un’estate italiana“) werden. Stattdessen wurde es ein deutscher Sommer, der mit dem WM-Titel für eine wahre Renaissance in der Bundesliga sorgte, jedoch die Nachwuchsprobleme im deutschen Fußball nur für kurze Zeit übertünchen konnte.
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5. Schweiz 1954 (Weltmeister)
Mal abgesehen von den ersten deutschen Weltmeistermannschaften, die mangels zu wenig bewertender Videosequenzen nicht im Ranking sind, gibt es vom 1954er-Team, abgesehen vom Finale, nur Videoausschnitte mit hauptsächlich den Toren zu sehen und ich musste mich größtenteils auf die Textberichte verschiedener Medien verlassen. Zur Vollständigkeit halber: Das jüngste deutsche WM-Aufgebot aller Zeiten, welches 1934 den 3. Platz belegte, würde ich irgendwo im Mittelfeld ansiedeln und die großdeutsche Auswahl von 1938, die als einziges deutsches WM-Team nicht unter die letzten Acht gekommen ist, würde den letzten Platz einnehmen.
Nun aber zur ersten deutschen Weltmeistermannschaft. Die überwiegende Stimmung im Land lautete: „Hoffentlich blamieren die sich nicht“, und ging bei einigen sogar soweit, „dass es rausgeschmissenes Geld ist da runter zu reisen.“ Dies war nicht unbegründet. Zum einen bestand der Kader aus reinen Amateurspielern und zum anderen gingen die „Lauterer“ (Werner Kohlmeyer, Werner Liebrich, Horst Eckel und die Walter-Brüder), die das Gerüst der Mannschaft bildeten, im Endspiel um die deutsche Meisterschaft gegen den Außenseiter Hannover 96 sang- und klanglos unter. Da die Kriegserlebnisse im Ausland verständlicherweise immer noch sehr präsent waren, hatte der DFB Mühe, adäquate Testspielgegner zu finden. Weil es noch keinen Europapokal gab und auch auf das erste Nachkriegsländerspiel gegen die Schweiz (1950) zumeist sportlich wenig aussagekräftige Freundschaftsspiele folgten, da man von den großen Nationen noch weitestgehend geächtet wurde, wusste man nicht wo diese Mannschaft im internationalen Vergleich anzusiedeln war.
Dank des einmalig verwendeten und bescheuerten Gruppenmodus‘ war Herberger zur unpopulären Maßnahme gezwungen worden, im zweiten Vorrundenspiel gegen die übermächtigen Ungarn, einen Großteil seiner Stammkräfte zu schonen, was in der höchsten deutschen WM-Niederlage endete (3:8). Weil Deutschland als ungesetztes Team nur gegen die beiden gesetzten Mannschaften anzutreten hatte, benötigte die DFB-Auswahl einen insgesamt verdienten Sieg gegen die Türken (4:1), um gegen dasselbe Team ein Entscheidungsspiel zu erzwingen. Einen Teil der bösen Briefe, die der Bundestrainer von den erbosten Fans aus der Heimat erhalten hatte, las er seinen Spielern als Motivationsspritze vor dem Spiel vor. Die Türken waren ohne ihren Torwart Turgay und Top-Stürmer Suat ersatzgeschwächt in die Partie gegangen und mussten nach der Pause verletzungsbedingt mit zehn Mann weiterspielen. Ab da an hatte die gut aufgelegte DFB-Elf beim Stand von 3:1 leichtes Spiel und erspielte den bis 1978 höchsten deutschen WM-Sieg.
In der K.o.-Runde traf die Mannschaft zunächst auf die spielerisch weit überlegenen Jugoslawen, die der Nationalmannschaft die Grenzen aufzeigte. Nur mit viel Glück und einem brillanten Torhüter Turek, gelangte das Team mit einem Zufallstreffer (9.) und Sonntagsschuss von Rahn (85.) ins Halbfinale. Dort wartete mit den österreichischen Nachbarn ein ebenfalls stärkerer Gegner. Nachdem die erste halbe Stunde überstanden war, gelang durch Schäfer der unerwartete Führungstreffer. Nach der Pause gelang den Österreichern zwar der schnelle Anschlusstreffer, aber vier Standards, vornehmlich durch Fritz und Ottmar Walter, sorgten für die frühe Entscheidung. Der Schlusspunkt zum 6:1 bedeutete, neben den 1930er Halbfinals die gleichermaßen endeten, den höchsten Vorschlussrundensieg bis 2014.
Der Geist von Spiez hatte also eine deutsche Mannschaft erstmals ins WM-Endspiel geführt, wo erneut die „Magyaren“ warteten. Auch wenn sich die „Puszta-Söhne“, wie sie u.a. in der legendären Radioreportage von Herbert Zimmermann genannt wurden, diesmal der deutschen A-Elf gegenüber sahen, ließen die Mannen um Puskás, Hidegkuti, Kocsis und Bozsik keinen Zweifel aufkommen wie der neue Weltmeister zu heißen hatte. Schon nach acht Minuten führten die Ungarn, die in zuvor 34 Spielen (darunter auch ein 6:3 in Wembley) nur ein einziges Mal verloren hatten, und es bahnte sich erneut ein Debakel an. Doch die aufopferungsvoll kämpfenden Deutschen erzielten den schnellen und unerwarteten Ausgleich (18.), wonach die immer noch selbstsicheren Osteuropäer wütend anrannten und in einem wahren Offensivfeuerwerk beste Gelegenheiten vergaben. Mit zunehmender Spielzeit und immer tieferem Geläuf durch den strömenden Regen, schlichen sich mehr und mehr Selbstzweifel ins ungarische Spiel ein. Bei bestem „Fritz Walter-Wetter“ drehte der im gesamten Turnierverlauf starke Kapitän förmlich auf und riss seine Mannschaft mit, weshalb das Spiel in der zweiten Halbzeit ausgeglichen gestaltet werden konnte und ein wahrer Schlagabtausch begann. Sechs Minuten vor Spielende sorgte der „Boss“, Helmut Rahn, aus dem Hintergrund dann für die Entscheidung und der Jubel kannte keine Grenzen mehr.
Die mit den Kriegsfolgen kämpfende junge Bundesrepublik hatte erstmals ein übergreifendes nationales Gemeinschaftsgefühl zu spüren bekommen und im allgemeinen Siegestaumel hieß es: „Wir sind wieder wer!“ Der Mythos dieser siegreichen Elf ist so populär und tief verankert bei den Deutschen, weshalb darüber sowohl ein Film als auch ein Musical „Das Wunder von Bern“ aufgeführt wurden. Obwohl eine fundierte Meinung auf Grund der wenigen zu bewertenden Bewegtbilder schwierig ist, so muss diese 1954er-Mannschaft weit oben in der Tabelle eingeordnet werden. Nicht zuletzt weil auf dem Weg zum Titel, beim wohlgemerkt offensivfreudigsten WM-Turnier aller Zeiten (5,38 Tore im Schnitt), mit 25 Treffern die meisten aller Weltmeister erzielt wurden. Einzig die später aufkommenden Dopingvorwürfe, nach etlichen Gelbsuchterkrankungen der Spieler, trüben den Rückblick etwas. Aufgeklärt werden konnten diese Vorwürfe nie und der Mannschaftsarzt beteuerte, dass er den Spielern nur Traubenzucker und Vitamin C-Spritzen verabreicht hatte und die Gelbsucht durch verunreinigte Spritzen ausgelöst wurde.
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4. Südafrika 2010 (Halbfinale)
Sein erstes Turnier als verantwortlicher Trainer war mit dem EM-Finaleinzug ein Erfolg gewesen, der allerdings spielerisch kein Fortschritt zur WM 2006 darstellte. Nach der medial argwöhnisch verfolgten Vertragsverlängerung und den mauen Ergebnissen vor der ersten WM auf afrikanischem Boden, stand Löw erstmals unter Druck. Die Erwartungshaltung war wegen des verletzungsbedingten Ausfalles von Kapitän Ballack, der die junge Mannschaft eigentlich führen sollte, schon gesunken. Die Erfahrung, der mit 24,93 Jahren zweitjüngsten eingesetzten Mannschaft, hielt sich auf internationalem Parkett doch stark in Grenzen. Die Startformation ab der K.O.-Runde hatte folgende Länderspielerfahrung zu bieten: Neuer (8), Lahm (68), Mertesacker (65), Friedrich (75), Boateng (6), Schweinsteiger (77), Khedira (8), Müller (5), Özil (13), Podolski (76) und Klose (98). Außerdem war noch keine neue Hierarchie entwickelt worden und mit Friedrich (Abstieg mit der Hertha), Podolski (sechs Scorer beim FC gesammelt) und Klose (Teilzeitarbeiter beim FC Bayern) hatten die Hälfte der erfahrenen Spieler eine rabenschwarze Saison hinter sich.
Löw schwebte von Anfang an ein klarer Plan vor, wie er die Mannschaft spielen lassen wollte und die Nachwuchsleistungszentren brachten erstmals brauchbares Spielermaterial zum Vorschein. In der Defensive wurden die gegnerischen Offensivbemühungen im 4-4-2 ab der Mittellinie empfangen. Nach Ballgewinn sollte risikoreich und schnell der Weg in die Spitze gesucht werden. Bei eigenem Ballbesitz wurde ruhig gespielt, um immer mal wieder das Tempo zu schärfen wenn der Gegner eine Lücke erkennen ließ. Dabei stand die eigene Innenverteidigung, wenn der Gegner es zuließ, ungefähr 40 Meter vom eigenen Tor entfernt.
Die internationale Fachwelt staunte nicht schlecht ob des überraschend attraktiven deutschen Spiels beim Auftakt gegen überforderte Australier. Dynamisch, beweglich und den Ball in den eigenen Reihen zirkulierend, warteten die Deutschen auf den entscheidenden Moment, um dann das Tempo zu forcieren und die „Socceroos“ vor unlösbare Probleme (4:0) zu stellen. Die erste wirkliche Bewährungsprobe wartete dann gegen die unangenehmen, früh attackierenden Serben. Ein geordneter Aufbau war schwer möglich und als die Mannschaft so langsam ins Spiel fand, gab es einen doppelten Rückschlag. Zunächst fiel Klose dem wild Karten verteilenden Schiedsrichter zum Opfer (37.) und mit der ersten Torchance überrumpelten die Serben die geschockte DFB-Auswahl (0:1) sofort. Danach zeigte die junge Elf eine tolle Moral und war klar spielbestimmend mit einem Lattentreffer und vergebenem Elfmeter (60.). Wenig später sollten die Kräfte allmählich nachlassen und die Serben hätten den Sack früher zumachen können.
Auffällig war der abrupt gerissene Spielfluss sobald Mesut Özil das Spielfeld verlassen hatte. Mit seinem Debüt im Jahr 2009 ergaben sich ganz andere Möglichkeiten im Angriffsdrittel und er war an nahezu allen kreativen Momenten im deutschen Offensivspiel beteiligt. Sowohl 2010 als auch 2012 war er der Hauptfaktor für die spielerische Eleganz des Nationalteams. Erst die nach der WM langsam herangeführten Götze, Reus, Kroos und Gündogan verteilten die Kabinettstückchen auf mehrere Schultern.
Die erste Vorrundenniederlage seit 28 Jahren erhöhte den Druck auf die Mannschaft und verunsicherte sie mit zunehmender Spieldauer immer mehr. Die Gruppenkonstellation erlaubte ein sicheres Weiterkommen, gleichbedeutend mit dem Gruppensieg, nur bei einem Sieg über die unangenehmen Ghanaer. Die flinken und beweglichen „Black Stars“ stellten die großgewachsenen Mertesacker und Boateng vor erhebliche Probleme und die unerklärlich vielen Stock- und Abspielfehler der eigenen Defensive beruhigten die Nerven keineswegs. Jederzeit vermittelte das Spiel einem das Gefühl, dass die Ghanaer ein Tor erzielen könnten und erst der Geniestreich Özils (60.) mit der wenig später folgenden Führung der Australier im Parallelspiel, ließ den Herzschlag herunterfahren und so langsam konnte man sich auf den Klassiker gegen England einstellen.
Mit dem Achtelfinale war das Minimalziel erreicht und der weggefallene ehemals lähmende Druck, entfachte bei der sich immer besser verstehenden Truppe eine ganz neue Spielfreude. Darüber hinaus ermöglichte es die abgegebene Favoritenrolle deutlich tiefer zu stehen und auf die eingeübte Konterstärke zu setzen. Sowohl die Engländer als auch die Argentinier bekamen dies zu spüren und wurden regelrecht aus dem Turnier geschossen. Besonders der Teamgeist der Mannschaft imponierte, weil jeder für den anderen alles in die Waagschale warf. Bis auf die jeweilige Phase nach der Halbzeit, wo es beide Male höchste Zeit wurde das der Abstand auf zwei Tore gestellt wurde, hatte das DFB-Team die fußballerischen Schwergewichte im Griff und ließ die Fachwelt staunend zurück. Die Rolle von Michael Ballack übernahm rasch Bastian Schweinsteiger, der zum neuen Taktgeber heranreifte und ein ungeheuer gutes Gespür für die jeweilige Situation besitzt.
Im Halbfinale konnte aber auch er keine entsprechenden Lösungen finden, um die beinahe übermächtigen Spanier zu stoppen. Leider fehlte der unbekümmert aufspielende Thomas Müller gelbgesperrt, der nach dem Turnier zum Torschützenkönig und Shootingstar gekürt wurde. Nahezu 90 Minuten dominierten die Iberer das Spiel und gaben der Nationalmannschaft wenige Gelegenheiten sich zu entfalten. Selbst wenn Löw die Möglichkeit gegeben worden wäre, die Partie mit den Erkenntnissen aus der Niederlage nochmals bei „Null“ beginnen zu lassen, glaube ich nicht, dass sich viel am Spielverlauf geändert hätte. Das Ausscheiden gegen diese Spanier musste man respektvoll hinnehmen, denn in meinen Augen gehört diese spanische Mannschaft zu den größten Länderauswahlteams, die es je gegeben hat. Auf einer Stufe mit Uruguay (Ende der 1920er), Argentinien (Ende der 1940er), Ungarn (1954), Brasilien (1958, 1970) und den Niederlanden (1974).
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3. Mexiko 1970 (Halbfinale)
Wie nahezu vor jedem seiner Turniere stand der medienscheue Helmut Schön auch diesmal in der Kritik. Nach der einmalig verpassten Qualifikation zur EM 1968, weil man die Jugoslawen durch das 0:0 in Albanien (Schmach von Tirana) nicht mehr überholen konnte, gab es etliche Probleme zu lösen. Müller wollte schon seine Nationalmannschaftskarriere beenden, weil er mit dem reaktivierten Seeler nicht harmonieren konnte, Netzer fehlte verletzungsbedingt und war mit seiner vorherigen Rolle auch nicht zufrieden gewesen und die Italien-Legionäre Schnellinger und Haller waren bis kurz vor Turnierstart lange verletzt gewesen. Zu allem Überfluss musste man natürlich auch den extremen Bedingungen Herr werden und das Spiel wurde auf ein kraftschonendes Kurzpassspiel angelegt, indem die brillanten Techniker wie auf Knopfdruck das Tempo verschärfen konnten und herrliche Spielzüge zeigten.
Nachdem die Mannschaft im ersten Spiel gegen Marokko lange Zeit einem Rückstand hinterherlief und infolge zahlreich vergebener Chancen bis zum Schluss um den Sieg zittern musste, stellte Schön die Elf um. Seeler, der wie zu erwarten nicht mit Müller harmonierte, wurde als hängende Spitze bzw. im Mittelfeld eingesetzt und die formschwachen Held und Haller mussten für die klassischen Flügelstürmer Libuda und Löhr weichen. Seitdem lief die Angriffsmaschinerie wie geschmiert und die DFB-Auswahl spielte ihre beste Vorrunde der Geschichte. Ein großartig aufgelegter Libuda machte seinem Spitznamen „Stan“ alle Ehre und ein befreit spielender Gerd Müller sorgte mit zwei Hattricks gegen Bulgarien (5:2) und Peru (3:1) für zwei überzeugende Siege.
Auch wenn die Mannschaft ihre spielerische Form, in den „Alles oder Nichts-Spielen“ gegen die europäischen Schwergewichte, bei weitem nicht auf den Platz bringen konnte, sollten die bisherigen Auftritte nur ein Vorspiel für die an Dramatik und Spannung nicht zu überbietenden WM-Klassiker gewesen sein. Im Viertelfinale machte die Mittagshitze von León beiden Teams sehr zu schaffen und es entwickelte sich ein über weite Strecken langweiliges Mittelfeldgeplänkel. Deutschland versuchte die Partie mit häufigem Kurzpassspiel zu kontrollieren, wohingegen die Engländer nach Ballgewinn deutlich risikofreudiger mit vielen Pässen in die Spitze operierten und mit der einzigen Torchance in der ersten Halbzeit in Führung (31.) gingen. Die Schön-Schützlinge forcierten nach dem Rückstand das Angriffsspiel, aber bis auf harmlose Halbfeldflanken oder Verzweiflungsschüsse sprang nichts dabei herum und stattdessen erhöhten die „Three Lions“ kurz nach der Pause auf 2:0, womit das Spiel entschieden schien, da sie in ihrer fast 100-jährigen Länderspielgeschichte noch keinen 2-Tore-Vorsprung verspielt hatten. Aber wie bei keinem anderen Turnier hatte der Satz, dass „Deutschland erst geschlagen ist, wenn der Abpfiff ertönt“, mehr Berechtigung als in Mexiko 1970. Die Engländer zogen sich immer mehr zurück, wechselten ihren erschöpften Strategen Bobby Charlton aus und nach Beckenbauers-Solo (68.) ging es Schlag auf Schlag. Ein britischer Angriff trudelte nur knapp am Pfosten vorbei und Müller ließ im Gegenzug die 100-prozentige Ausgleichschance liegen, ehe Seeler mit seinem wunderschönen Hinterkopfballtor den unbändigen deutschen Willen belohnte und die Verlängerung erzwang. Dort kämpften beide Teams mit ihren letzten Kraftreserven und die DFB-Elf ging als die glücklichere Mannschaft vom Feld.
Die nicht für möglich gehaltene dramaturgische Steigerung folgte im über 40 Grad heißen Aztekenstadion jedoch noch. Erneut musste das DFB-Team einem frühen Rückstand hinterherrennen, nachdem die Italiener in der 7. Minute in Führung gegangen waren. In einem fehlerhaft geprägten Spiel, wo beide Mannschaften etliche Ballverluste fabrizierten, versuchten sowohl die DFB-Elf als auch die „Squadra Azzurra“ schnell nach vorne zu spielen. Dabei verzeichnete die Nationalmannschaft nahezu alle gefährlichen Torraumszenen und kämpfte nicht nur gegen den Rückstand, sondern auch gegen die Hitze und den Schiedsrichter, der etliche strittige Entscheidungen gegen das DFB-Team fällte und darüber hinaus zwei klare Elfmeter verweigerte, an. Nach zwei Lattentreffern, einem geklärten Ball auf der Linie und einer Vielzahl weiterer Großchancen erzielte ausgerechnet der Italien-Legionär Schnellinger den hochverdienten Ausgleich (90.) und es stand erneut die Verlängerung auf dem Programm. Beide Mannschaften befanden sich in einer Art Trance und die körperlichen Verschleißerscheinungen wirkten sich spürbar auf das Spiel aus. Franz Beckenbauer spielte beispielhaft mit bandagiertem Arm weiter, obwohl er sich in der zweiten Halbzeit das Schultereckgelenk gebrochen hatte. Das Torprotokoll: 2:1 Müller (95.), 2:2 Burgnich (99.), 2:3 Riva (104.), 3:3 Müller und 3:4 Rivera (111.). Letztlich mussten die Deutschen, die schon im Viertelfinale enorm viele Körner eingesetzt hatten, das ungeliebte Spiel um den dritten Platz bestreiten und konnten sichtlich erschöpft einen schmeichelhaften Sieg über Uruguay feiern.
Im Nachhinein sollten die Darbietungen aber nur ein Vorgeschmack auf die folgenden Jahre sein und bei angenehmen Temperaturen legte die Mannschaft bei der EM 1972 ihre vielleicht beste Turnierleistung hin.
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2. Deutschland 1974 (Weltmeister)
Die aus dem Bayern- (Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Breitner, Hoeneß sowie Müller) und Gladbach-Block (Wimmer, Netzer sowie Heynckes), ergänzt von den in Mönchengladbach ausgebildeten Höttges und Erwin Kremers, bestehende Elf, spielte ihre Gegner mit dem kongenialen Duo Beckenbauer/Netzer phasenweise an die Wand und beeindruckte die internationale Fachwelt wie nie zuvor oder danach – bis 2014. Logisch das bei der WM im eigenen Land nur der Titel als zufriedenstellendes Ergebnis herhalten konnte. Der Weg dorthin war steiniger als viele annahmen. Die junge Generation war nicht mehr stromlinienförmig und gehorchte auch nicht mehr bedingungslos. Der erzkonservative DFB hatte wie in Mexiko eine Siegprämie von 30.000 Mark vorgesehen, die den mittlerweile auch vermehrt ums Geld spielenden Profis nicht genug war. Zumal die Konkurrenz in Italien oder den Niederlanden ein Vielfaches von dieser Summe in Aussicht gestellt bekamen. Von einer konzentrierten Vorbereitung in der ebenfalls nicht mehr zeitgemäßen Sportschule Malente konnte jedenfalls keine Rede mehr sein und es kam zur Zerreißprobe zwischen Spielern, Trainer und Verband. Am Ende einigten sich alle Parteien im letzten Moment auf 60.000 Mark und es sollte endlich los gehen.
In einer einfachen Vorrundengruppe tat die Mannschaft, sicherlich noch beeinflusst von der Turniervorbereitung, nicht mehr als nötig und bezwang Chile (1:0) und Australien (3:0) mühelos. Mit einigen tollen Spielzügen und einem Haufen vergebener Tormöglichkeiten war das erwartungsfrohe Publikum aber bei weitem nicht zufrieden und nach der biederen Leistung gegen die DDR war die Stimmung erneut im Keller. Dem gebürtigen Mitteldeutschen Helmut Schön ging die Niederlage bis ins Mark und Beckenbauer übernahm die dringend nötige Mannschaftsaussprache. Erstens weil der feinfühlige Dresdner nach der verlorenen Partie zunächst nicht in der Lage war und zweitens weil es ihm sehr schwer viel, jemandem die unschöne Wahrheit ins Gesicht zu sagen. In Absprache mit seinem Trainer krempelte der Kapitän daraufhin die Mannschaft nach seinen Vorstellungen um und gab Grabowski und Hoeneß einen Denkzettel in Form eines Bankplatzes mit, der sich auszahlen sollte.
Durch die peinliche Niederlage, die letztlich gerne mitgenommen aber nicht beabsichtigt war, rutschte die DFB-Auswahl in die vermeintlich schwächere Gruppe und wich den Mitfavoriten aus Holland und Brasilien aus. Mit einem soliden 2:0 Sieg, gegen einzig und allein defensiv bedachte Jugoslawen, wurde der Grundstein für eine erfolgreiche Zwischenrunde gelegt. In einem atemberaubenden Spiel gegen Schweden fegte die Nationalmannschaft ähnlich wie 2006 über die Skandinavier hinweg. Allerdings vergaß das DFB-Team ein Tor zu schießen und lief nach Edströms Sonntagsschuss (26.) einem Rückstand hinterher. Das einfühlsame Publikum peitschte die unbeeindruckte DFB-Elf weiterhin nach vorne und kurz nach der Pause sorgte ein Doppelschlag für die hochverdiente Führung. Auch der sofortige Ausgleich (54.) zeigte keine negative Wirkung mehr und das ständige Anlaufen aufs schwedische Tor wurde zu Beginn der Schlussviertelstunde belohnt. Nimmermüde Antreiber waren unter anderem Hoeneß und Grabowski, die ebenfalls dazu beitrugen, dass die DFB-Auswahl wohl so viele Hochkaräter wie in keinem anderen WM-Spiel auf dem Chancenzettel verbuchen durfte.
Nachdem zufriedenstellenden Sieg ergab sich eine komfortable Ausgangsposition für die geschichtsträchtige Wasserschlacht von Frankfurt. Gegen die technisch starken Polen genügte ein Unentschieden für das Erreichen des Endspiels und auf dem schwierigen Geläuf, welches kein faires Fußballspiel zuließ, war das ein großer Vorteil. In der ersten Halbzeit stellten sich die Polen deutlich schneller auf die Gegebenheiten ein und scheiterten zweimal am glänzend parierenden Maier. Nach dem Seitenwechsel wussten die Deutschen sich zu wehren, ermöglichten fast keine Torchance mehr und erzielten den vorentscheidenden Treffer durch Müller (76.), der wegen Hoeneß‘ verschossenem Elfmeter (53.) länger auf sich warten ließ als nötig.
Mit dem 1:0 war die Nationalmannschaft verdient im Endspiel angelangt und hatte in der Zwischenrunde mit attraktivem Offensivfußball und einer hoch verteidigenden Mannschaft überzeugt. Die Niederlande beeindruckte mit ihrer revolutionären „Voetbal Total“-Taktik schon vom ersten Spiel an und ging als Favorit in die Partie. Vom Anpfiff weg zeigte die „Elftal“ was sie auszeichnete. Mit ständigen Positionswechseln, Kurzpassspiel, individueller Klasse, Pressing und einer guten Organisation gingen sie in der 2. Minute durch einen Elfmeter in Führung, ohne das die Deutschen den Ball berührt hatten. In der Folge kombinierten die Holländer gefällig ohne große Torgefahr zu entwickeln, was viele als respektlos und überheblich werteten, ich jedoch als deren Auffassung vom schönen Fußballspiel ansehe. Ein umstrittener Elfmeter (25.) verhalf Deutschland zurück ins Spiel und fortan entwickelte sich ein rasantes Finale, welches für mich zu den besten aller Zeiten zählt. Bis zur Pause hatte „Oranje“ am Ausgleich zu knabbern und die Nationalmannschaft nutzte eine ihrer Möglichkeiten zur Pausenführung. In seinem letzten Länderspiel besorgte der historisch beste deutsche Torjäger Gerd Müller (Quote von unfassbaren 1,1 Toren pro Spiel), in seiner typischen Art, die Führung. Nach der Pause hatte Bonhof die große Gelegenheit zum 3:1, wonach die Holländer ihre erste Drangphase einleiteten. Diese überstand die Schön-Elf relativ souverän und bekam einen regulären Müller-Treffer (58.) wegen angeblicher Abseitsstellung zurückgepfiffen. Danach reizte die Mannschaft ihr Glück allerdings bis auf äußerste Aus und hatte mehrmals Fortuna an ihrer Seite. In den letzten zehn Minuten ließen die holländischen Kräfte glücklicherweise spürbar nach und es kamen keine Zweifel mehr am zweiten Weltmeistertitel auf.
Wirklich zum Feiern zumute war den Spielern freilich nicht lange. Auf dem Bankett verbot der DFB nämlich die Anwesenheit der Spielerfrauen, weshalb die geplante Feier schnell zum Ende kam, da die Spieler besseres zu tun hatten, als allein mit den „alten Herren“ abzuhängen.
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1. Brasilien 2014 (Weltmeister)
Die großartigen Erinnerungen an die Weltmeisterschaft in Brasilien liegen noch nicht lange zurück und im Vergleich zu allen anderen deutschen WM-Teams, zählt für mich die „goldene Generation“ von 2014 zur bisher besten deutschen WM-Mannschaft aller Zeiten. Das Auftreten über das gesamte Turnier hinweg war so konstant wie nie zuvor und der angebotene Fußball war ebenfalls so hochklassig wie nie zuvor. Natürlich gibt es auch Kritiker, die gerne etwas bemängeln und immer ein Haar in der Suppe finden werden. So könnte man argumentieren, dass der DFB-Elf gegen Portugal der Spielverlauf sehr in die Karten gespielt hat, gegen Ghana zeitweise Harakiri-Fußball angeboten wurde, gegen die USA ein langweiliges 1:0 heraussprang, gegen Algerien nur mit viel Glück und Manuel Neuer das Viertelfinale erreicht wurde, die taktischen Maßnahmen gegen Frankreich nur durch den öffentlichen Druck ergriffen wurden, das 7:1 nur wegen paralysierter Brasilianer entstanden ist und die Argentinier nur zu „blöd“ waren das Tor nicht zu treffen und der Finalsieg somit äußerst glücklich war.
Dieses Spiel lässt sich aber mit nahezu jedem Fußballspiel spielen, weil es im Weltfußball auf der Gegenseite immer einen Kontrahenten gibt, der auch etwas mit dem Ball anzufangen weiß. In vier Wochen ist es deshalb nicht möglich ohne Glück durch ein Turnier zu marschieren und schon gar nicht jeden Gegner 90 Minuten zu dominieren.
Nach den hohen Erwartungen an die EURO 2012, war das Halbfinalaus gegen Italien eine große Enttäuschung. Löw stand im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik, da die Niederlage hauptsächlich an seinen, im Nachhinein, falschen taktischen Entscheidungen festgemacht wurde. Die eher negative Stimmung gegenüber der Nationalmannschaft ebbte auch durch eine erneut souverän erlangte WM-Qualifikation nicht ab. Das Festhalten an vielen eigentlichen Leistungsträgern, die durch schwache Darbietungen oder Verletzungen nicht in Form waren, machte den Bundestrainer auch zu WM-Beginn angreifbar. Wie zuvor auch Helmut Schön stand Jogi Löw hinter seinen vertrauten Spielern, die großen Anteil an den erfolgreichen vergangenen Turnieren hatten. Durch die vielen angeschlagenen (Neuer, Schweinsteiger, Khedira, Klose und Höwedes) oder gar verletzt ausfallen Akteuren (Reus, Badstuber, Gündogan und Bender) war der Glaube an ein erfolgreiches Turnier bei vielen Fans zurückgegangen. Vor allem der personelle Engpass im zentralen Mittelfeld zwang Löw zu der öffentlich unpopulären Maßnahme, Philipp Lahm zunächst im Mittelfeld aufzubieten, da Khedira und Schweinsteiger wahrscheinlich kein komplettes Turnier auf hohem Niveau hätten bestreiten können.
In der Vorrunde lief zunächst alles wie geschmiert und die Mannschaft untermauerte ihren Status als WM-Mitfavorit mit einem überzeugenden 4:0-Sieg gegen Portugal. In einem auf überwiegend spielerischer Kontrolle angelegten zweiten Spiel, reichten 15 schwache Minuten gegen Ghana (2:2), um den sicher geglaubten Achtelfinaleinzug auf das letzte Gruppenspiel verschieben zu müssen. Gegen harmlose Amerikaner (1:0) geriet das DFB-Team dann zu keiner Zeit in Gefahr und tat nicht mehr als nötig, um den kräftezehrenden tropischen Bedingungen im brasilianischen Norden entgegenzuwirken.
In der K.o.-Runde stellten sich letztlich die unangenehmen Algerier als größter Stolperstein dar. Die tiefverteidigenden, hartnäckig störenden „Wüstenfüchse“ bereiteten der deutschen Elf, vor allem in der ersten Halbzeit enorme Probleme. Unerklärlich viele Fehler im eigenen Aufbauspiel ermöglichten den Nordafrikanern einige gefährlich Konter und erst nach der Pause trat die Nationalmannschaft so auf, wie man es von ihr erwarten konnte. Durch die mangelhafte Chancenverwertung musste obendrein noch in der Verlängerung nachgesessen werden, um das Ticket fürs Viertelfinale zu erlangen. Der noch erschöpft wirkenden DFB-Auswahl, die ihre Stammformation endgültig gefunden hatte, spielte die frühe Führung (13.), gegen die seit Jahren nicht mehr so gut aufgelegten Franzosen, enorm in die Karten. Bis auf eine 20 minütige Phase in der zweiten Halbzeit brachte man das Ergebnis kontrolliert und kräfteschonend über die Zeit und sollte im Halbfinale für historisches Sorgen. Wie wenige andere Spiele zuvor oder danach, wird der nicht in Worte zu fassende 7:1-Sieg gegen Rekordweltmeister Brasilien, in den Gedächtnissen der Fußballfans verankert bleiben. In einem seit Jahren nicht mehr so packenden WM-Finale, sind die spielerisch überlegenen Deutschen am Ende die glücklichere Mannschaft gegenüber Argentinien gewesen. Mit dem vielleicht schönsten siegbringenden WM-Finaltreffer, schoss Mario Götze (113.) Deutschland zurück in den „Fußballhimmel“.
Der sportliche Weg, dieser im besten Fußballalter befindlichen Mannschaft, scheint noch lange nicht am Ende angelangt zu sein. Durch die vorbildliche Nachwuchsarbeit kann der Bundestrainer auf eine große Anzahl an talentierten Spielern zurückgreifen, die in der mittlerweile wieder konkurrenzfähigen Bundesliga durch gute Trainer erstklassig entwickelt werden.
Auch in gesellschaftlicher Hinsicht ist diese Mannschaft mehr als ein Vorbild und beweist, dass es keinen negativen Vorurteilen gegenüber Migranten bedarf!
Zum Abschluss noch meine 10 Lieblingsspiele:
1. Halbfinale 7:1 Brasilien (2014)
2. Finale 3:2 Ungarn (1954)
3. Achtelfinale 2:1 Niederlande (1990)
4. Finale 2:1 Niederlande (1974)
5. Viertelfinale 4:0 Argentinien (2010)
6. Finale 1:0 Argentinien (2014)
7. Zwischenrunde 4:2 Schweden (1974)
8. Halbfinale 3:4 n.V. Italien (1970)
9. Finale 0:2 Brasilien (2002)
10. Halbfinale 2:0 Frankreich (1986)
Bei keiner Bewertung habe ich mich so schwer getan wie bei diesem „Team“. Die Mannschaft des amtierenden Europameisters war spielerisch deutlich stärker als einige vor ihr platzierte Auswahlen. Das Auftreten neben und im speziellen auf dem Platz hat mich jedoch dazu bewogen, dass dieses DFB-Team den letzten Platz des Klassements einnimmt. Charakterlisch waren die meisten Spieler nämlich ein einziger „Sauhaufen“! Nicht umsonst erhielt das Trainingslager in Schluchsee (Südschwarzwald) den spöttischen Beinamen „Schlucksee“. Von Saufgelagen, Pokerabenden mit hohen Summen, Spielern „die bis zum Morgengrauen bumsten und wie nasse Lappen zum Training gekrochen kamen“ und Unpünktlichkeit, war in der später erschienen Autobiographie „Anpfiff“ von Torwart Toni Schumacher zu lesen. Auch wenn die Leistung und Einstellung auf dem Platz letztlich in Ordnung war propagierten Trainer und Spieler etwas anderes. Jupp Derwall, der nach dem EM-Triumph noch als „Häuptling Silberlocke“ titulierte Bundestrainer, litt zunehmend am Autoritätsverlust innerhalb der Mannschaft und schlug nach der ersten und einzigen WM-Auftaktniederlage eines deutschen Teams vor, „auf das eine oder andere Gläschen Wein oder Bier zu verzichten“. Rädelsführer Paul Breitner fand folgende Worte: „Dieses Gequatsche ‚Wir müssen jeden Gegner ernst nehmen‘ kann ich nicht mehr hören. Man muss auch mal die Sau rauslassen!“
Die fehlende Einstellung im Trainingslager und unprofessionelle Aussagen einiger Beteiligten wären schnell Schnee von gestern und kein großes Bewertungskriterium gewesen. Die Schande von Gijón und das Brutalo-Foul von Schumacher im WM-Halbfinale haben allerdings dem deutschen Fußball international so sehr geschadet, dass das mühsam aufgebaute positive Image für etliche Jahre am Boden lag. Das die Spieler nach dem Österreich-Spiel die eigenen Fans am Mannschaftshotel mit Wasserbomben bewarfen, der „Tünn“ sich nach seinem Foulspiel nicht direkt beim Spieler entschuldigte und den Reportern antwortete, „dass sie ihm (Anm. Patrick Battiston) sagen sollen, dass er (Anm. Toni Schumacher) ihm die Jacketkronen zahlen würde“, setzte dem Ganzen noch zusätzlich die Krone auf.
Da die dargebotenen sportlichen Leistungen, wegen der beschriebenen Vorkommnisse, von keinem anderen Turnier durch die Presse so falsch wiedergegeben werden, schildere ich meine Eindrücke von den Spielen etwas ausführlicher als bei den weiteren Weltmeisterschaften.
Die Fans und berichtenden Medien der Nationalmannschaft waren in all den vorangegangen Turnieren meistens verwöhnt worden und kannten das Gefühl einer Niederlage gegen ein außereuropäisches Team noch gar nicht. Deshalb war das 1:2 gegen unbekannte Algerier, die unter anderem den späteren Champions League Sieger Rabah Madjer in ihren Reihen hatten (die Bayern werden sich ungern erinnern), für die Journalisten ein Fall von Überheblichkeit „der hochbezahlten Profis gegen Amateure“ und das 4:1 gegen schwächere Chilenen „ein Zwischenhoch“ bzw. „eine runde Leistung“. Dabei waren die gezeigten Leistungen nahezu gleichwertig. Die Afrikaner wussten in der ersten halben Stunde überhaupt nicht hinten rauszukommen und einzig die fehlende Zielstrebigkeit im Angriffsspiel war der DFB-Auswahl, bis zum Rückstand (54.) durch den ersten Angriff der Algerier, vorzuwerfen. Die daraufhin etwas behäbig spielenden Deutschen kamen durch Rummenigge schnell zum Ausgleichstreffer (67.), um postwendend in einer stümperhaften Abwehraktion den erneuten Rückstand hinnehmen zu müssen. Danach versuchten die Derwall-Schützlinge alles, bekamen ein reguläres Tor aberkannt und trafen kurz vor Schluss noch die Latte, weshalb ihr keineswegs Lustlosigkeit oder fehlender Respekt vorgeworfen werden konnte. Unter Zugzwang stehend übte die Nationalmannschaft im zweiten Spiel gegen die Chilenen sofort Druck aus, um auf den schnellen Führungstreffer (9.) genau die Eigenschaften folgen zu lassen, die gegen Algerien übertrieben moniert wurden. In der zweiten Halbzeit sorgten dann einige schöne Kombinationen für die schnelle Entscheidung und es schien wieder alles gut zu sein – bis zum Nichtangriffspakt von Gijón.
Nach der frühen Führung durch Hrubesch (10.) erlaubte der Spielstand sowohl den Deutschen als auch den Österreichern das Weiterkommen in die zweite Finalrunde, weshalb mit zunehmender Spielzeit immer ersichtlicher wurde, dass beide Mannschaften nur noch das Ergebnis über die Zeit bringen wollten und das Fußball spielen einstellten. Von absichtlicher Absprache kann bei Betrachten des Spiels jedoch keine Rede sein und die Schuld betrifft offensichtlich vier Parteien: 1.) Die FIFA, die trotz eines ähnlichen Falles beim Spiel Argentinien-Peru 1978 am Modus festgehalten hatte und die letzten Gruppenspiele weiterhin zeitversetzt austragen ließ. 2.) Die Algerier, die um die mögliche Konstellation wussten und den Chilenen nach einer souveränen 3:0 Pausenführung, die zum Weiterkommen gereicht hätte, noch zwei fatale „Ehrentreffer“ geschenkt haben. 3.) Die Österreicher, die nach dem Gegentreffer überhaupt nicht mehr nach vorne gespielt haben um jegliches Risiko zu vermeiden. 4.) Die Deutschen, die zwar bis zur Halbzeit noch aufs zweite Tor gespielt haben, aber danach ebenfalls aufs halten des Ergebnisses fokussiert waren. Leitragende waren schlussendlich die Fans und der Fußball.
Nach einer unrühmlichen Vorrunde zeigte die Mannschaft in der Zwischenrunde endlich was DFB-Teams eigentlich auszeichnet: Die deutschen Tugenden. In der Partie gegen England waren beide Mannschaften darauf aus „die Null“ zu halten und es gab, bis auf Rummenigges Lattentreffer in der Schlussphase, keine Tormöglichkeiten. Im entscheidenden Spiel zeigte man gegen die im Turnierverlauf enttäuschenden Gastgeber das bis dahin beste Spiel. Von der ersten Minute konzentriert und engagiert auftretend fehlte einzig die Durchschlagskraft im Angriff. Da die Defensive – mit wenigen Ausnahmen - aber nicht gefordert wurde, war es nur eine Frage der Zeit bis sich das Engagement auszahlen sollte (50.). Trotz des schnellen Anschlusstreffers der Spanier (82.), nach der zwischenzeitlichen 2:0 Führung, brachte die DFB-Auswahl das Spiel letztlich sicher über die Bühne und die folgende Nullnummer zwischen den schon ausgeschiedenen Iberern und den „Three Lions“ sorgte für den Halbfinaleinzug.
Dort begann die Derwall-Truppe erneut druckvoll und hatte früh einen Aluminiumtreffer zu verbuchen. Als die Franzosen immer besser in die Partie fanden belohnte sich die Nationalmannschaft doch noch mit dem Führungstreffer (17.), um dann durch einen dummen Elfmeter den schnellen Ausgleich (26.) hinnehmen zu müssen. In der Folgezeit erspielte sich die spielerisch starke „Équipe Tricolore“ vor allem in der zweiten Halbzeit ein deutliches Übergewicht. Zu gefährlichen Torchancen kamen beide Mannschaften allerdings nur ein einziges Mal. In der Schlussphase überschlugen sich schließlich die Ereignisse, als die Franzosen in der 90. mit einem Distanzschuss die Latte trafen und Deutschland quasi im Gegenzug ebenfalls den Siegtreffer auf dem Fuß hatte. Anschließend schien „Les Bleus“ erstmals ins Finale einzuziehen, worauf die DFB-Elf wieder einmal ihre unbändige Moral und Kampfkraft zeigte. Mit zwei erstklassig herausgespielten Toren gelang es, den aussichtslos scheinenden 1:3 Rückstand aufzuholen, was bis heute einmalig in der Geschichte der WM-Verlängerung ist. Im ersten Elfmeterschießen einer Fußball-Weltmeisterschaft hatte die DFB-Auswahl das glücklichere Ende auf ihrer Seite und begründete damit ihren Ruf, im Nervenspiel vom Punkt beinahe unschlagbar zu sein.
Ebenfalls unerwartet stand Italien im Finale, das sieglos die Vorrunde überstand und in der heißen Phase mit überzeugenden Leistungen Argentinien, Brasilien und Polen eliminierte. Das Endspiel war geprägt von viel Mittelfeldgeplänkel und praktisch keiner hochkarätigen Tormöglichkeit, da beide Abwehrreihen exzellent arbeiteten. Obwohl Deutschland mehr vom Spiel hatte bot sich den Italienern durch einen Elfmeter (24.) die große Gelegenheit zur Führung, die sie nicht zu nutzen wussten. Somit dauerte es bis zur 57. Minute ehe die „Squadra Azzurra“ mit einem schnell ausgeführten Freistoß den Gegner überrumpelte und glücklich in Führung ging. In der Folge bissen sich die Deutschen die Zähne an der überragenden italienische Defensive um Scirea aus und zwei gut ausgespielte Konter (69. und 81.) besiegelten die Niederlage. Mit dem Ehrentreffer rückte Breitner nebenbei in den elitären Kreis der Spieler auf, die in zwei WM-Finals ein Tor erzielen konnten (Vavá, Pelé und Zidane).
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15. Frankreich 1998 (Viertelfinale)
Sportlich ganz hinten reiht sich ohne Frage die 1998er Auswahl ein. Das siegreiche Europameisterschaftsteam von 1996 war nochmals um zwei Jahre gealtert und der DFB setzte in Frankreich, mit einem Durchschnittsalter von ca. 30,3 Jahren, die älteste aller deutschen WM-Mannschaften ein. Obendrein fehlte mit Matthias Sammer der überragende Antreiber und Spielgestalter, der wegen anhaltender Kniebeschwerden sein letztes Bundesligaspiel im Herbst 1997 absolviert hatte. Da konnte auch die viel diskutierte Rückkehr vom mittlerweile 37-jährigen Lothar Matthäus keine Abhilfe schaffen. Die meisten Spieler gingen auf ihr Karriereende zu, besaßen nicht mehr den nötigen Hunger und waren sehr ausrechenbar in ihrem Angriffsspiel.
Dementsprechend wurde die Vorrunde schließlich zur einzigen Qual: Keine spielerische Inspiration, kein Tempo, nur langsames Ballgeschiebe und wenige Torchancen! Mal abgesehen von der zweiten Halbzeit gegen den Iran, wo man sich wenigstens einige Möglichkeiten „erarbeiten“ konnte, war das fußballerisch nichts. Nur eine starke Moral gegen die Jugoslawen (seit 1992 nur noch aus Serbien und Montenegro bestehend) ermöglichte der DFB-Elf durch zwei Standards den 0:2 Rückstand zu egalisieren und somit den Niederländern im Achtelfinale aus dem Weg zu gehen. Dort konnte man sich gegen starke Mexikaner deutlich steigern und ließ bis zum Rückstand (47.) fast nichts zu und hätte vorher selbst durch Bierhoff in Führung gehen müssen. Danach tat man sich allerdings extrem schwer Torgelegenheiten zu erspielen und hatte Glück, dass ein mexikanischer Konter nur an den Pfosten prallte. In der letzten halben Stunde erzwang die Nationalmannschaft dann regelrecht mit zwei typischen Halbfeldflanken den Ausgleichs- und Führungstreffer, wodurch letztlich der verdiente Viertelfinaleinzug stand. Gegen relativ schwache Kroaten zeigte die DFB-Auswahl dann ihre beste Turnierleistung und schied bezeichnenderweise mit 0:3 (zweithöchste WM-Niederlage) aus. Bis zur harten aber vertretbaren roten Karte gegen Wörns (40.) hatte man die „Balkankicker“ komplett im Griff und spielte gefällig nach vorne. Selbst deren Führungstreffer mit dem Halbzeitpfiff brach nicht die Moral und es gab auf beiden Seiten gute Torchancen nach dem Seitenwechsel. Das 0:2 (80.) war dann jedoch der Genickbruch für die Berti Vogts-Elf und es wäre sogar noch ein vierter kroatischer Treffer in der Schlussphase möglich gewesen.
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14. Chile 1962 (Viertelfinale)
Die erste Übersee-WM einer deutschen Mannschaft führte zu einem einzigen Fiasko. Bis dahin hatte die Nationalmannschaft fast ausschließlich gegen europäische Nationen gespielt und das Auftaktspiel war erst das dritte Länderspiel auf einem fremden Kontinent (erstmalig 1958 in Ägypten). Das erste Kräftemessen mit einem außereuropäischen Team fand 1928 gegen Uruguay statt und bis zur Weltmeisterschaft folgten gerademal fünf weitere Partien (Argentinien 1958, Ägypten 1958, Chile 1960 sowie 1961 und Uruguay 1962). Der Weltfußball befand sich Anfang der 1960er-Jahre in einem allgemeinen Wandel. Die zuvor überwiegend offensiv ausgerichteten Teams agierten nun defensiv und abwartend, was diese WM zu einer der langweiligsten überhaupt „verkommen“ ließ. Das große Problem lag darin, dass die Mannschaften noch keine Gegenmittel zu den deutlich kompakteren Defensivreihen fanden. Ob schnelles Konterspiel, Positionsrochaden oder anspruchsvolle Kombinationen waren zu dieser Zeit noch selten zu sehen.
Diese Entwicklung machte auch vor dem ausgeklügelten Defensivtaktiker Herberger nicht halt, der seine letzte WM als Chef erleben sollte. „Der Alte“, wie er respektvoll von der Mannschaft genannt wurde, war inzwischen 65 Jahre alt und hatte zunehmend Schwierigkeiten mit den Machenschaften des modernen Fußballs umzugehen. Obwohl er zur aktiven Spielerzeit selbst unerlaubt Prämien eingesackt hatte, konnte er sich nicht damit arrangieren, dass einige seiner Spieler in lukrativen Verhandlungen mit italienischen Profiklubs standen. Auch sein gut gemeinter Versuch in einer abgeschotteten Militärkaserne einen ähnlichen Geist wie in Spiez aufleben zu lassen schlug ins Gegenteil um und die daraus resultierende, deprimierte Stimmung färbte sich auf das deutsche Spiel ab. Zusätzlich schlug sein erbittertes Bemühen, den 41-jährigen Fritz Walter zu reaktivieren ebenso fehl, wie eine sinnvolle Lösung für die mit Durchschnittsspielern besetzten Außen zu finden.
Ausgerechnet im Auftaktspiel gegen die Italiener, welche in den folgenden Jahren als Meister und Erfinder des Catenaccio galten, gelang es zahlreiche Chancen zu erspielen, die eigentlich mit einem Sieg hätten belohnt werden müssen (unter anderem Lattentreffer durch Seeler und ein nicht gegebener Elfmeter nach Foul an Haller). Danach sank das Niveau der deutschen Elf jedoch von Spiel zu Spiel spürbar. Gegen den „Schweizer-Riegel“ brachte die DFB-Elf es fertig, trotz zwischenzeitlicher 2:0 Führung und verletzungsbedingter, einstündiger Überzahl, den Sieg bis zum Schlusspfiff nicht sicher zu haben. Gegen den schon qualifizierten Gastgeber reichte ein ganz müder Kick zum Gruppensieg, der das dritte Viertelfinalspiel in Folge gegen Jugoslawien bedeutete. Auch wenn die Südeuropäer bei weitem nicht so brillierten wie in vorangegangenen Turnieren, hatten sie mit acht Vorrundentoren dennoch die meisten aller Mannschaften erzielt. Folgerichtig setzten sie den WM-Träumen der Herberger Schützlinge mit einem späten Siegtreffer ein Ende, die nur eine einzige Großchance durch Seelers Pfostentreffer in der Anfangsphase verzeichnen konnten.
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13. Argentinien 1978 (Viertelfinale)
Von der glorreichen Weltmeisterelf war nicht mehr viel übrig geblieben. Müller, Overath und Grabowski waren 1974 zurückgetreten, Breitner überwarf sich 1975 mit dem bis heute erfolgreichsten Bundestrainer Helmut Schön, der schon vor Turnierbeginn seinen Rücktritt angekündigt hatte, Hoeneß beendete als Vizeeuropameister von 1976 auf Grund anhaltender Knieprobleme gezwungenermaßen seine Nationalmannschaftskarriere, der damalige Rekordnationalspieler Beckenbauer durfte wegen seines Amerika-Abenteuers nicht mehr nominiert werden und Vorstopper Schwarzenbeck war nur noch Kadermitglied.
Die Nachfolgemannschaft der ersten „goldenen Generation“ gehört fußballerisch sicherlich vor das 1986er- und 2002er-Auswahlteam. Die Tatsache, weshalb die zweifelsohne vorhandene spielerische Klasse von Spielern wie Rummenigge, Hansi Müller, Abramczik und dem vielleicht größten deutschen Techniker aller Zeiten – Heinz Flohe – nur selten auf dem Platz aufblitzen konnte hat vielschichtige Gründe, die ich nur kurz erwähnen will. Im damals militärdiktatorisch regierten Argentinien fiel die Quartierwahl, wie schon in Chile 1962, auf ein abgelegenes Militärgelände in Ascochinga, wodurch die angespannte Stimmung und Grüppchenbildung innerhalb der Mannschaft sicherlich nicht abebbte. Helmut Schön hatte in seinen letzten Amtstagen spürbar an Autorität verloren und keinen „Kaiser“ der ihm zur Seite stand. Darüber hinaus befanden sich einige Spieler in keiner guten Verfassung und die überragende Mittelachse mit Beckenbauer, Overath und Gerd Müller war komplett weggebrochen.
Zu allem Überfluss ließ der Quartiersbesuch eines ehemaligen Wehrmachtsoffiziers und zugleich überzeugten Nazis und die Zuneigung des DFB-Präsidenten Hermann Neuberger zum Militärregime, das Ansehen des Verbandes extrem sinken. Der Junta-Chef Jorge Rafael Vidal wurde mit folgenden Worten zitiert: „Wenn es notwendig zur Wiederherstellung des Friedens im Lande ist, dann müssen alle im Wege stehenden Personen sterben. Es müssen so viele Menschen wie nötig in Argentinien sterben, damit das Land wieder sicher ist.“
So trat die Mannschaft von Beginn an sehr behäbig auf und hatte große Probleme sich Chancen zu erarbeiten und anschließend zu verwerten. Entsprechend wundert es nicht, dass die Hälfte der Spiele mit Nullnummern (Polen, Tunesien und Italien) endete. Überzeugen konnte die DFB-Auswahl nur gegen die schwachen Mexikaner (6:0) und in einem mitreißenden Spiel gegen spielerisch starke Holländer (2:2), wo man gegen den späteren Finalisten sogar zweimal führte. Rückblickend auf den Gemütszustand innerhalb der Mannschaft, war die Schmach von Córdoba somit vorprogrammiert. Durch den späten Ausgleich lag der Finaleinzug nicht mehr in eigener Hand und beruhte nur noch auf theoretischer Basis, weshalb selbst das Adjektiv „lustlos“ die Einstellung in den ersten 45 Minuten gegen unsere österreichischen Nachbarn nicht beschreiben kann. Trotz spürbar engagierterer Leistung nach der Halbzeit, brachten grobe Abwehrschnitzer den scheidenden Bundestrainer um sein so sehnlichst gewünschtes Abschiedsspiel, zumindest um den dritten Platz, gegen Brasilien. Bitter für „den Langen“, dass der österreichische Radioreporter so kurz vor Schluss (87.) „narrisch“ werden durfte.
Durch viele großartige Leistungen der Mannschaften von 1966-1976, fühlten sich die damaligen Vorstellungen in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich schlechter an als sie letztlich waren und die Mannschaft wird heute leider komplett auf die peinliche Niederlage gegen die ÖFB-Auswahl reduziert.
Bleibt die Frage, warum Offensivverfechter Helmut Schön ausgerechnet in seinem letzten Turnier als Bundestrainer auf eine äußerst defensive Spielweise setzte und all seine Nachfolger von dieser, bis zu Jürgen Klinsmanns Amtsantritt, nicht mehr abgewichen sind?
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12. Südkorea und Japan 2002 (Finale)
Der Tiefpunkt in der Länderspielhistorie des DFB wurde zweifelsohne bei der EM 2000 erreicht. Deshalb waren die Erwartungen an das Team, zumal nach einer Zitterqualifikation mit den Play-offs gegen die Ukraine, so gering wie 1954 nicht mehr (übrigens mein erstes Turnier mit damals 9 Jahren). Es gab schlicht und einfach fast keine Spieler in Deutschland, mit Ausnahme von Oliver Kahn, Michael Ballack und Bernd Schneider, die internationales Format verkörperten.
Der ergebnismäßig gute Start gegen ein äußerst limitiertes Saudi-Arabien, mit dem höchsten deutschen WM-Sieg aller Zeiten (8:0), konnte die spielerischen Mängel nicht kaschieren. Nachdem in der Schlussphase gegen Irland förmlich um den Ausgleich gebettelt wurde, musste im letzten Gruppenspiel gegen die Kameruner um die Achtelfinalqualifikation gezittert werden. Bis zur dummen gelb-roten Karte von Ramelow, wobei der Schiedsrichter mit sage und schreibe 16 gelben Karten übertrieben viele zeigte, war das deutsche Spiel von großer Nervosität und katastrophaler Abwehrarbeit geprägt, in der einzig Oliver Kahn die DFB-Elf im Spiel hielt. Ein frühes Tor nach der Pause beruhigte dann die Nerven aller und kurz nachdem die Partie auf 10 gegen 10 gestellt worden war, sorgte Miroslav Klose für die Entscheidung. Wer daraufhin gedacht hatte es geht nicht schlimmer, sah sich dann leider eines Besseren belehrt. Sowohl die Partie gegen Paraguay als auch gegen die USA hatten wenig bis gar nichts mit Fußball zu tun. Die deutschen Torchancen aus dem Spiel heraus, konnte man von beiden Spielen an einer Hand abzählen! In der Partie gegen die von Cesare Maldini defensiv eingestellten Südamerikaner war wenigstens unser Tor nicht bedroht. Im Viertelfinale musste Oliver Kahn allerdings schon sein bestes Länderspiel auspacken, um die Gelegenheiten der ebenfalls schwachen US-Boys zu vereiteln. Vorne fehlte es dem deutschen Spiel an jeglicher Geschwindigkeit und Ideen, wozu sich auch noch etliche Fehlpässe aufgrund der nicht vorhanden Klasse gesellten und hinten war die Abstimmung ein einziges Desaster. Die Abstände zwischen der Dreier- bzw. Fünferkette waren zuweilen schlecht und zwischen Abwehr und Mittelfeld einfach nur verheerend. Wie das Spiel verlaufen wäre, wenn die US-Amerikaner nach Frings‘ Handspiel auf der Linie die Möglichkeit zum Ausgleich bekommen hätten, will ich mir gar nicht vorstellen.
Wie das Trainerteam jedenfalls die Defensivarbeit der Mannschaft im Halbfinale und Finale taktisch so verbessern konnte bleibt mir ein Rätsel. Die auf einer Euphoriewelle schwimmenden südkoreanischen Gastgeber, die nach zweimaliger Verlängerung mit zunehmender Spieldauer kräftemäßig stark abbauten, wurden deshalb nahezu 90 Minuten in Schach gehalten und hochverdient mit 1:0 bezwungen. Der Finaleinzug dieser stark limitierten Truppe war damit perfekt und beruhte auf einer tollen Mentalität gepaart mit einem starken Willen und Charakter. Ein glänzend aufgelegter „Titan“ verhalf die Schwächen der Defensive zu kompensieren und den großen Nationen konnte man aus dem Weg gehen, da sie sich, unter gütiger Mithilfe der Schiedsrichter, gegen Südkorea selbst eliminierten (Portugal, Italien und Spanien). Leider fehlte beim ersten WM-Duell mit Rekordweltmeister Brasilien der beste deutsche Feldspieler Michael Ballack gelbgesperrt. Die „Seleção“ war zwar das mit Abstand beste Team gewesen, aber hatte in einem insgesamt eher schwachen Weltturnier ebenfalls nur selten glänzen können und sich komplett auf die individuelle Klasse der Ausnahmespieler Rivaldo, Ronaldinho und Ronaldo verlassen. Als krasser Underdog konnte Deutschland wie befreit aufspielen und gestaltete die Partie, wenn auch die fußballerische Klasse der „Sambakicker“ immer mal wieder aufblitzte, über weite Teile des Spiels ausgeglichen. Einzig in den letzten zehn Minuten vor dem Pausentee erspielten sich die Brasilianer ein klares Übergewicht und hatten den Führungstreffer mehrmals auf dem Fuß. Bis auf den Aluminiumtreffer durch Neuvilles Freistoß (49.) gab es keine nennenswerten deutschen Möglichkeiten und als Hamann einen tödlichen Ballverlust vor dem eigenen 16er fabrizierte, wurde die Partie in der 67. Spielminute durch einen Fehlgriff des als besten Spieler des Turniers ausgezeichneten Oliver Kahn entschieden. Den Abpraller nutzte Ronaldo, „Il Fenomeno“, eiskalt aus und schoss so viele Tore (8) wie seit 1970 keiner mehr.
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11. Mexiko 1986 (Finale)
Von der einen äußerst limitierten Mannschaft zur nächsten äußerst limitierten Mannschaft…
Die Begeisterung für die Bundesliga und Nationalmannschaft hielt sich vor der WM in Grenzen. Das erste Vorrundenaus bei einem Turnier (wobei die EM 1984 noch mit acht Mannschaften startete) und die peinlichen Vorstellungen bei der vorigen Weltmeisterschaft hatten das Interesse an Deutschlands Lieblingssport spürbar senken lassen. Nach dem Bundesligaskandal Anfang der 70er Jahre verzeichnete die deutsche Eliteklasse den zweitschlechtesten Zuschauerschnitt (18.406) aller Zeiten und der von Boris Becker ausgelöste Tennis-Boom war ein ernst zu nehmender Konkurrent geworden. Der jüngste Nationaltrainer seit Otto Nerz – Teamchef Franz Beckenbauer (40) – war um seine Auswahl wirklich nicht zu beneiden. Von internationaler Klasse konnte bis auf wenige Ausnahmen keine Rede sein und die stärksten Offensivkräfte mussten auch noch angeschlagen durch das Turnier geschleppt werden (Rummenigge und Völler). Die „Lichtgestalt“ war angespannt, schnell reizbar und sichtlich überfordert mit dem großen Druck, was er auf naive Weise gegenüber der Presse und Mannschaft zeigte: „Wenn ich ganz ehrlich urteile, wären wir nur mit fünf Spielern in Mexiko…In der Bundesliga spielt nur noch Schrott…Weltmeister werden wir nicht, das kannst’ eh vergessen.“
Seine Behauptungen schienen sich, in der schlechtesten Vorrunde die eine DFB-Elf jemals spielte, zu bewahrheiten. Gegen die „Urus“ (1:1) und mit wenigen Ausnahmen gegen die Schotten (2:1) und Dänen (0:2) hatte man erhebliche Probleme Torchancen zu erarbeiten und fabrizierte nahezu nur „Schrott“ und lud die Kontrahenten auch noch zum Tore schießen ein. Glück im Unglück: Der zweite Gruppenplatz ermöglichte ein einfacheres Programm im weiteren Turnierverlauf und Gruppensieger Dänemark schied stattdessen hochkant mit 1:5 gegen Spanien aus.
Nebenbei lieferte man etliche Schlagzeilen aus dem Mannschaftsquartier, wo Spieler nachts ausbüxten, Schumacher („Kölner Tisch“) Intrigen gegen Rummenigge („Münchner Tisch“) führte und sich Ersatzkeeper Stein in der Halbzeitpause gegen Uruguay auf dem Platz sonnte und den Teamchef als „Suppenkasper“ bezeichnete.
Währenddessen mogelte sich das Team von Runde zu Runde. Das langsame Aufbauspiel war durch die klimatischen Bedingungen in den einzelnen Spielorten noch entschuldbar gewesen, aber die Fehlpassquote war einfach nur unsäglich. Wie auch die Turniere in Brasilien und den USA waren die Weltmeisterschaften in Mexiko von zum Teil extremer Hitze geprägt, wozu sich hier auch noch die dünne Höhenluft gesellte. Durch die TV-Vermarktung musste natürlich zusätzlich der Spielplan den europäischen Bedürfnissen angepasst und in der brütenden Mittags- und Nachmittagshitze gespielt werden.
Im Achtelfinale genügte gegen komplett passive Marokkaner ein später Freistoßtreffer Matthäus‘, da die zufällig bietenden Möglichkeiten kläglich vergeben wurden. Im Duell mit den enthusiastisch angefeuerten Mexikanern hat das DFB-Team in 120 Minuten nur eine nennenswerte Torchance durch Allofs gehabt, die wie das deutsche Team nur auf eine stabile Defensive Wert gelegt und mit etlichen Fouls den Spielrhythmus komplett gebrochen haben. Nachdem sich Berthold zu einer Tätlichkeit (65.) hinreißen ließ, versuchten die Gastgeber die Gunst der Stunde zu nutzen, indem sie die deutsche Defensive öfters in Verlegenheit brachten und den im gesamten Turnierverlauf überragenden Schumacher, kurz vor der Verlängerung, zu einer Glanzparade zwangen. Ab da schwand die Kraft der Mittelamerikaner zusehends und nach einem überflüssigen Bodycheck an Matthäus (98.), war „El Tri“ froh das Elfmeterschießen erreicht zu haben, wo ihnen die Nerven dann allerdings einen Streich spielten. Im Halbfinalspiel, gegen den amtierenden Europameister und Topfavoriten Frankreich (Platini, Giresse, Tigana und Amoros), der sowohl Weltmeister Italien als auch die „Zauberer vom Zuckerhut“ (Careca, Sócrates, Zico und Josimar) aus dem Turnier geworfen hatte, wuchs die Mannschaft über sich hinaus. Völlig überraschend zeigten Magath, Matthäus und Co. ansehnlichen Kombinationsfußball und brachten die wackelige Abwehr der „Équipe Tricolore“ einige Male in Verlegenheit. Einzig die mangelhafte Chancenverwertung musste die heimischen Fans bis zum Ende zittern lassen, da die überragende deutsche Abwehr natürlich nicht jeden Angriff der insgesamt enttäuschenden Franzosen stoppen konnte (über zehn Mal ins Abseits gelaufen). So stand die DFB-Auswahl, die noch vor Turnierbeginn vom eigenen Trainer verspottet wurde, sensationell im Finale gegen Maradonas Argentinien. Auf einem ganz schlechten Platz wurde jedoch so wenig Fußball gespielt wie nachher oder vorher nur noch 1994 zwischen Italien und Brasilien. Nach einer frühen Führung, wo Schumacher an einer Freistoßflanke vorbeisegelte (23.), ließen die Argentinier ihr können nur noch selten aufblitzen und waren nach einem blitzsauberen Konter (56.) einzig mit unerträglichem Zeitspiel darauf bedacht, den komfortablen Vorsprung zu verwalten. Im Wissen um die harmlose DFB-Offensive ging dieses Spiel bis zum Ausgleichstreffer (81.), nach zwei Brehme-Eckstößen, gut. Anstatt die moralisch angekratzten Südamerikaner danach ruhig zu bespielen, ermöglichten die im „Ausgleichstaumel“ befindlichen und viel zu hoch aufgerückten Deutschen dem bis dahin blassen Maradona, mit einem Geistesblitz (84.), das Finale zu entscheiden.
Wie später auch die 2002er-Mannschaft wurden die Beckenbauer-Schützlinge begeisternd empfangen, da sie alles gegeben und deutlich mehr erreicht hatten als alle erwartet haben.
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10. USA 1994 (Viertelfinale)
Berti Vogts wurde bisher als einziger Bundestrainer die hohe Bürde auferlegt, den amtierenden Weltmeister zu übernehmen. Die unüberlegte Aussage, des im Siegestaumel befindlichen Weltmeistertrainers Franz Beckenbauer, erhöhte den Druck sogar nochmals: „Ich glaube, dass die deutsche Mannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird. Das tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir werden für die nächsten Jahre nicht zu besiegen sein.“ Nachdem die Mannschaft gegen die eigentlich schon im Urlaub verweilenden Dänen im EM-Finale 1992 kläglich verloren hatte, stand Vogts schon mit dem Rücken zur Wand, obwohl er einem eigentlichen leidtun musste. Im Nachhinein betrachtet, wurde die seit einigen Jahren schon ungenügende Nachwuchsarbeit durch den „Triumph von Rom“ komplett ignoriert. Die einzigen U26-Spieler waren Effenberg, der nach der Vorrunde wegen seiner „Stinkefinger-Affäre“ heimreißen musste, Basler und Kahn. Von den ehemaligen DDR-Nationalspielern schaffte es letztlich auch nur der Weltklassespieler Matthias Sammer nachhaltig für Aufsehen zu sorgen. Mit Schneider, Ballack und Kroos gab es übrigens nur noch drei weitere gebürtige DDR-Bürger, die der Nationalelf ihren Stempel aufdrücken sollten.
Der amtierende Weltmeister trat dann in der Gruppenphase so auf, wie es sich für eine erfahrene Mannschaft gehörte. Mit jeweils acht Weltmeistern in der Startelf tat man in der brütenden Nachmittagshitze von Chicago bzw. Dallas nicht mehr als nötig. Die individuelle Klasse von Häßler, Matthäus, Möller und dem neben Sammer in überragender Form befindlichen Klinsmann (sein bestes Turnier) sorgte für einen verdienten Gruppensieg, den man in einer „vogelwilden“ Schlussphase nach sicherer 3:0 Führung gegen unbekümmerte Südkoreaner fast noch an die Spanier hätte abtreten müssen. Angeführt vom überall befindlichen Sammer war die DFB-Elf auf den Punkt perfekt vorbereitet in die nun beginnenden „Alles oder Nichts“-Spiele gegangen. Aggressiv, früh attackierend, konzentriert, kombinationsfreudig, über Außen Dampf machend (Brehme musste nach schwachen Leistungen für Wagner weichen) und mit dem glänzend aufgelegten Startelfdebütanten Völler, hätte man die eigentlich defensivstarken Belgier aus dem Stadion schießen müssen. Allein Klinsmann ergaben sich so viele 100-prozentige Gelegenheiten, sodass er sich in diesem Spiel zum Torschützenkönig hätte küren können. In Erinnerung an die unsichere Schlussphase gegen Südkorea konnte man froh sein, dass den Belgiern ein berechtigter Elfmeter (67.) verwehrt wurde und der Anschlusstreffer erst in der Schlussminute fiel. Gegen den überraschenden Viertelfinalisten aus Bulgarien zeigte Deutschland ebenfalls eine ansprechende Performance. Auch wenn die Offensivleistung längst nicht so eindrucksvoll war, hatte man in der eigenen Verteidigung alles im Griff, ließ bis auf einen Pfostentreffer in der Anfangsphase nichts zu und ging verdient in Führung (49., FE). Danach kontrollierte die DFB-Elf das Spiel und hatte mit Häßler und Möllers Pfostenschuss sogar die Chancen zu erhöhen. Quasi im Gegenzug sorgte Stoitschkow (75.) mit einem Freistoß und kurz darauf Letschkow, mit den ersten bulgarischen Gelegenheiten in der 2. Halbzeit, für das unglückliche Aus der deutschen Elf. Mit dem verletzt fehlenden Sammer wäre das wahrscheinlich nicht passiert und mit Blick auf die schwach auftretenden Halbfinalisten wäre der Titelgewinn kein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert.
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9. Schweden 1958 (Halbfinale)
Die Euphorie um die Weltmeistermannschaft war angesichts von zwölf Niederlagen in den darauffolgenden 17 Spielen schnell großer Ernüchterung gewichen. Auch die erfreulichen acht Siege in den letzten zehn Spielen vor der anstehenden Weltmeisterschaft, ließ die Hoffnungen auf ein erfolgreiches Abschneiden nicht allzu groß werden. Deshalb hatte der DFB vorsichtshalber noch vor Turnierbeginn Rückfahrtickets für nach dem Viertelfinalspiel gebucht. Bis auf Schäfer und Eckel standen Herberger keine Spieler mehr aus der Weltmeisterelf zur Verfügung, sodass er händeringend versuchte, sowohl den zurückgetretenen Fritz Walter zu reaktivieren, als auch den in herausragender Form befindlichen Helmut Rahn zu begnadigen. Dieser war Betrunken in eine Baugrube gefahren und wurde anschließend sogar kurz inhaftiert, da er sich eine Prügelei mit der Polizei geleistet hatte. Schlussendlich konnte für das Auftaktspiel gegen den amtierenden Copa América-Sieger und Topfavoriten Argentinien, der allerdings zwangsläufig auf einige im Ausland beschäftigen Spieler verzichten musste, mit Walter, Rahn, Schäfer, Eckel und den beiden Jungstars Seeler und Szymaniak eine schlagkräftige Truppe auf den Platz geschickt werden.
Anmerkung: Die Bewertung der Leistungen aus den 1950er Jahren ist sicherlich am Schwersten, da es mit Abstand am wenigsten Bildmaterial von diesen Turnieren gibt und ich mich auch auf historische Artikel berufen muss. Einzig vom Finale 1954 und Halbfinale 1958 gibt es längere Videos (ca. 40 Minuten).
Trotz starker Darbietungen wurde die Vorrunde, in der schweren Gruppe, nur mit Mühe und Not überstanden. Grobe Abwehrfehler machten der deutschen Mannschaft das Leben schwerer als es sein musste. Gegen die Südamerikaner wurde der frühe Rückstand, durch eine kämpferische Leistung, letztlich souverän in einen Sieg verwandelt. Gegen die niedergeschlagenen Tschechoslowaken hätte die DFB-Elf das Viertelfinale in der Schlussphase eigentlich eintüten müssen und scheiterte an der eigenen Chancenverwertung, wobei man zwischenzeitlich froh sein musste überhaupt den 0:2 Rückstand aufgeholt zu haben. Gegen die konterstarken Nordiren brannte die Mannschaft ein wahres Offensivfeuerwerk ab und lief dennoch einem zweimaligen Rückstand hinterher. Durch den späten Ausgleichstreffer (77.) war nicht nur das Weiterkommen sondern auch der Gruppensieg gesichert. In einem ähnlichen Spiel, wie vier Jahre zuvor, entwickelte sich gegen offensivstarke Jugoslawen eine Abwehrschlacht. Da der mit einer tollen Einzelaktion aus spitzem Winkel erzielte Führungstreffer durch Rahn, der in fünf von sechs Spielen einnetzen konnte, durch kläglich ausgespielte Konterchancen nicht erhöht wurde, musste bis zum Schluss um das Duell gegen Schweden gezittert werden. Dort sorgten die heimischen Fans mit Lautsprechern und Einpeitschern für einen Hexenkessel, wie ihn die deutschen Spieler noch nicht erlebt hatten. Merklich beeindruckt rollte Angriff um Angriff auf die deutsche Verteidigung zu, deren große Lücken auf Außen und zwischen den Schnittstellen aufgezeigt wurden. Glücklicherweise waren die spielerisch guten Schweden entweder zu unpräzise im Abschluss, letzten Pass oder ein deutsches Abwehrbein rutschte so gerade noch dazwischen. Nach der urplötzlichen Führung (24.) durch eine sensationelle Volleyabnahme Schäfers, gestaltete Deutschland das Spiel ausgeglichen. Leider beeinflusste dann der Schiedsrichter den Verlauf der Partie immer mehr. Beim Ausgleich (32.) nahm der Vorlagengeber den Ball mit der Hand mit, zu Beginn der zweiten Halbzeit wurde Seeler ein Elfmeter verweigert und Juskowiak nach einem harmlosen Pressschlag (59.) vom Platz gestellt. Als dann auch noch Fritz Walter nach grobem Foulspiel verletzungsbedingt vom Feld getragen wurde, hatten die großartigen Schweden um Gren, Liedholm, Skoglund und Hamrin leichtes Spiel den Finaleinzug in der Schlussphase perfekt zu machen.
Im Platzierungsspiel war die auf einigen Positionen veränderte Elf überfordert gegen die Franzosen und ermöglichte es Just Fontaine, beim 3:6, vier Treffer zu erzielen. Damit wird seine Marke von 13 Turniertoren wohl für ewig unerreicht bleiben.
Aus der Biografie „Sepp Herberger. Ein Leben, eine Legende.“, von Jürgen Leinemann, sind übrigens die Turnierunkosten des DFB zu entnehmen. Für Ausrüstung, Verpflegung, Quartier, Arbeitsausfall, Reisekosten und Prämien gab der Fußballverband 89.354 DM für die Weltmeisterschaft aus.
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8. Deutschland 2006 (Halbfinale)
Hätte ein passenderes Logo als die „Celebrating Faces Of Football“ für die WM im eigenen Land entworfen werden können? Unter dem Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ und begleitet vom offiziellen Song „Zeit, dass sich was dreht“ wurde ein nicht für möglich gehaltenes Fußball-Fest in Deutschland gefeiert. Vier Wochen lang schönstes Sommerwetter, Party-Stimmung auf den Public Viewing-Plätzen, Fans aus den unterschiedlichsten Kulturen die sich zusammen in den Armen lagen und eine wie entfesselt aufspielende deutsche Nationalmannschaft.
Das war nach der offensiven Armutsdarbietung bei der EURO 2004 und den zum Teil erschreckend schwachen Testspielen im WM-Jahr (1:4 in Italien, 1:2 in der Türkei, 0:2 in der Slowakei und nur 1:0 gegen China) nicht zu erwarten. Doch der 2004 mit einem sehr ehrgeizigen Projekt angetretene Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat es geschafft, den in seinen altmodischen Strukturen festgefahrenen Verband beinahe komplett umzukrempeln und seinem Aushängeschild ein modernes, attraktives Gesicht zu verpassen. Wenngleich das ausgegebene Ziel - der Weltmeistertitel - verpasst wurde, so hat er doch die Basis für die konstanten Erfolge in der Löw-Ära gelegt. Im Bewusstsein nicht die spielerische Klasse und Vielzahl an internationalen Top-Stars zu besitzen musste innovativ gearbeitet werden. Ein größerer Mitarbeiterstab wurde installiert (u.a. Fitnesstrainer, ein Psychologe und Teammanager) um noch gezielter Ausdauer, Dynamik und Schnelligkeit ins Spiel zu bringen und sein Co-Trainer Löw hat im Hintergrund daran gearbeitet, die erheblichen Rückstände in taktischer und spielerischer Hinsicht zu verringern.
Wenn man sich die Spiele aus heutiger Sicht ansieht, waren die Leistungen noch meilenweit von Südafrika 2010, Polen/Ukraine 2012 und besonders Brasilien 2014 entfernt. Damals waren die deutschen Fußballfans jedoch seit Jahren nicht mehr verwöhnt worden und die Nationalmannschaft sorgte von Spiel zu Spiel dafür, dass die Begeisterung stetig stieg und letztlich im Sommermärchen mündete.
Abgesehen von der ersten Halbzeit gegen Costa Rica (4:2) und der in Überzahl agierenden Schlussviertelstunde gegen Polen (1:0) tat sich die DFB-Auswahl sehr schwer in der Offensive. Besonders gegen aggressive und früh störende Polen fehlten die spielerischen Mittel um Torchancen zu kreieren und sich vom Druck zu befreien. Das erlösende Siegtor in der Nachspielzeit ließ im stimmungsvollen Dortmunder Westfalenstadion natürlich alle Dämme brechen und von da an ging das Team Hand in Hand mit den Fans durchs Turnier. Beeindruckend war vor allem die zuvor nicht gekannte aktive Verteidigungsarbeit, die nach anfänglichen Problemen, als die gegnerischen Mittelfeldspieler in den Zwischenräumen zu viel Zeit und Platz bekamen, zusehends besser funktionierte. Ebenfalls wurden die Ballbesitzzeiten der einzelnen Spieler deutlich verringert. Einzig das gewünschte schnelle Umschalten funktionierte in den entscheidenden K.o.-Spielen nur mäßig.
Nachdem der Gruppensieg in einem müden Sommerkick, wo man sich nach früher Führung auf das schwache Niveau der kräfteschonenden Ecuadorianer (fünf Stammspieler fehlten) begab, eingetütet war, folgte eine mitreißende erste Halbzeit gegen völlig überforderte Schweden, die zum Besten zählt was eine deutsche Elf bei Turnierspielen abgeliefert hat. Anschließend gab es gegen den ersten „Großkaliber“ Argentinien ein defensiv geprägtes Spiel, das auf beiden Seiten von Hektik, Nickligkeiten und Foulunterbrechungen geprägt war, wodurch kein wirklicher Spielfluss zustande kam und es an Torraumszenen mangelte. Leider fehlte der für die defensive Stabilität enorm wichtige Frings im Halbfinale, da er in die unschöne Rauferei nach Spielschluss verwickelt war. In Dortmund entwickelte sich ein nicht zu erwartendes Spiel mit offenen Visieren, indem die Italiener die reifere Spielanlage besaßen, abgezockter und cleverer agierten und somit als verdienter Sieger den Endspieltraum der jungen deutschen Mannschaft beendeten.
In einem offenen Spiel um Platz 3 sorgte die immer überlegenere DFB-Elf mit dem 3:1 Sieg über Portugal dafür, dass sowohl nach Spielende als auch am darauffolgenden Tag auf der Fanmeile in Berlin, ein berauschender und verdienter Abschied gefeiert werden durfte.
Bei mir kommen jedenfalls immer schöne Erinnerung hoch, wenn ich Spiele oder Spielszenen von 2006 mit Spielern wie Schneider, Klose, Ballack, Frings, Neuville, Schweinsteiger, Podolski oder Lahm sehe.
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7. England 1966 (Finale)
Nach dem enttäuschenden Abschneiden bei der letzten Weltmeisterschaft gab es einen großen Umbruch im deutschen Fußball. Wie so häufig musste dem DFB durch sportlichen Misserfolg die Augen geöffnet werden. Das erbitterte Festhalten am Amateurstatus war nicht mehr zeitgemäß und um internationale Konkurrenzfähigkeit wiederzuerlangen, benötigte es eine Profiliga in der sich die Besten Woche für Woche messen konnten. Im Fußballmutterland England wurde schon 1888 eine Profiliga eingeführt und bis auf die ebenfalls starrsinnigen Holländer (1956), zogen Spanien (1928), Italien (1929) und Frankreich (1932) deutlich früher nach als der DFB 1962. Der zweite große Einschnitt kam wenig später auf dem Trainerstuhl. Nicht ganz freiwillig trat der autoritäre Sepp Herberger nach 28 Amtsjahren von seinem Posten zurück. Nachfolger wurde sein bisheriger „Co.“ Helmut Schön, der ab 1964 einen ganz anderen Führungsstil einführte und den Spielern mehr Freiheiten und Mitbestimmungsrecht einräumte. Seine erste Bewährungsprobe hatte der Dresdner hingegen schon in der Qualifikation zu meistern. Im vorgezogenen Endspiel um den Gruppensieg in Schweden ließ er den jungen Franz Beckenbauer debütieren und wurde mit einem 2:1 Sieg belohnt. In England hatte der frühere Stürmer, der dem Angriffsspiel zugeneigt war, die wahrscheinlich beste Mannschaft seit 1954 beisammen und konnte seine Vorstellungen mit den vier glänzend harmonierenden Haller, Seeler, Beckenbauer und Overath über weite Strecken im Turnier umsetzen. Mit einer 5:0-Gala gegen die Eidgenossen avancierte das DFB-Team gleich zu einem der Topfavoriten, wenn auch das Niveau gegen die stärkeren Argentinier und Spanier nicht gehalten werden konnte. In einem von argentinischer Seite brutal geführten Spiel gab es wenig Fußball zu sehen und dementsprechend ein 0:0. Gegen eine gefällig kombinierende „Furia Roja“ ließ man zwar wenig bis gar keine Torchancen zu, aber spielte passiv agierend lange mit dem Feuer, bis Held durch eine Energieleistung den 2:1 Siegtreffer durch Seeler vorbereitete.
Unter den letzten Acht angekommen wartete mit Uruguay die zweite „Tretertruppe“ vom Río de la Plata. In der ersten Halbzeit war es noch eine offen geführte Partie in der es rauf und runter ging. Zunächst konnte Uruguay einen Lattentreffer und einen auf der Linie geklärten Schuss (möglicherweise durch die Hand Schnellingers) für sich verbuchen. Kurz darauf ging Deutschland durch einen abgefälschten Schuss durch Held glücklich in Führung und mit zunehmender Spieldauer wurden die Südamerikaner, wie auch schon die Argentinier, immer aggressiver. Diesmal flogen sogar zwei Spieler vom Platz (49. und 54.) wodurch Seeler, Beckenbauer und Haller sehr viel Platz zum Zaubern bekamen und die „Himmelblauen“ mit 4:0 aus dem Stadion schossen. In der Vorschlussrunde war mehr oder weniger wieder ein 9 gegen 11 angesagt. Schon seit der Anfangsphase humpelte der sowjetische Akteur Szabo, wegen eines Trittes von Beckenbauer, nur noch über den Platz und der starke Tschislenko, gefrustet vom 0:1 durch Haller, musste wegen Nachtretens noch vor der Pause „duschen gehen“. Das bis dahin ausgeglichen Spiel konnte somit in der zweiten Halbzeit souverän über die Runden gebracht werden, da der Anschlusstreffer (88.) zu spät kam.
Das mit Spannung erwartete Finale zwischen den Dauerrivalen wurde für damalige Verhältnisse mit sehr hohem Tempo geführt. Nachdem die DFB-Elf das Spiel in der ersten Halbzeit noch ausgeglichen gestalten konnte waren die Engländer in der zweiten Hälfte klar überlegen und mussten durch den Ausgleichstreffer in der 90. doch noch in die Verlängerung. Der hohen Spielgeschwindigkeit Tribut zollend waren die Briten aber weiterhin das bessere Team und kürten sich durch das Wembley-Tor zum neuen Weltmeister.
Als Gewinner konnte sich die DFB-Auswahl dennoch fühlen, weil sie eine bisher noch nie da gewesene Spielfreude gezeigt hatte und zudem viele Sympathien im Ausland, durch die sehr faire Reaktion auf den umstrittenen Treffer, gewann.
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6. Italien 1990 (Weltmeister)
Konnte es einen schöneren Zeitpunkt und Ort geben als 1990 im Land des Fußballs Weltmeister zu werden? Die Serie A war sportlich, infrastrukturell und finanziell die mit Abstand lukrativste Liga. Zudem war der Fußball in „Bella Italia“, im Gegensatz zum Rest von Europa, schon für längere Zeit im Mittelpunkt der Gesellschaft angekommen. Nicht umsonst verdienten Matthäus, Klinsmann, Brehme (Inter), Völler und Berthold (Roma) zur damaligen Zeit ihr Geld im Gastgeberland und mit Häßler, Kohler, Riedle, Möller und Reuter folgten ihnen etliche Weltmeister nachträglich. Der politische Umsturz in den Ostblockstaaten ließ im sich ankündigenden Wiedervereinigungstaumel zudem ein nicht gekanntes – vielleicht auch übertriebenes – „Schwarz-Rot-Gold-Gefühl“ für die DFB-Elf aufleben, was nicht nur die Männer sondern auch erstmals die Frauen und DDR-Bürger überkam.
Der Grundstein wurde jedoch so knapp wie nie zuvor gelegt. Da die DFB-Elf in der Qualifikationsgruppe gegen den amtierenden Europameister Niederlande, gegen den man bei der Heim-EM 1988 im Halbfinale ausgeschieden war, erneut den Kürzeren zog, musste gegen Wales bis zum Schluss ums WM-Ticket gezittert werden.
Einmal in Italien angelangt passte sich die Nationalelf mit ihrer defensiven Spielweise den gezeigten Leistungen der anderen Teilnehmer nahtlos an, weshalb der geringste Tordurchschnitt einer Fußball-Weltmeisterschaft mit 2,21 Toren verzeichnet wurde. Stellt sich die Frage warum die 1990er-Mannschaft dennoch so hochgejubelt wird? Erstens hatte sie tolle Spielerpersönlichkeiten zu bieten, zweitens bekamen die deutschen Fans davor und danach lange Zeit weniger geboten, drittens hatten die Anhänger bei keinem zuvor siegreichen WM-Team das Gefühl, dass es die beste Mannschaft des Turniers gewesen war (Ungarn 1954 bzw. Holland 1974), viertens hatte die 1990er-Truppe bis 2014 als letztes deutsches Team die WM-Trophäe in Empfang nehmen dürfen und fünftes werden viele schöne Erinnerungen mit dieser Auswahl verknüpft.
Sportlich beruhte das ganze Konzept auf einer kompakten Defensive und im Angriff wurde weitestgehend nach Franz Beckenbauers „Schau’n mer mal“ verfahren. Angeführt vom überragenden Lothar Matthäus, der im Zenit seiner Schaffenskraft stand und 1991 zum ersten Weltfußballer gekürt wurde, gab es in jeder Partie einen anderen Spieler, der aus dieser individuell stark besetzten Mannschaft herausstach und letztlich den Unterschied ausmachen sollte. Das Auftaktspiel gegen starke Jugoslawen hat der Kapitän höchstpersönlich in die Hand genommen und führte mit seinem Weltklasse-Solo (61.) die Entscheidung herbei, wonach seine Elf wie entfesselt aufspielte und sich im Bewusstsein der eigenen Stärke durch das Turnier tragen ließ. Wie schon gegen die am Ende einknickenden Jugoslawen (4:1) hätte die DFB-Elf auch die völlig überforderten Emirate (5:1) mit etwas mehr Konsequenz abschießen können. Im letzten Gruppenspiel gegen Kolumbien (1:1) tat die Mannschaft nur noch so viel wie nötig, da ihr der erste Platz nur noch praktisch zu nehmen war und es stand früher als erwartet die Revanche mit den Holländern an. „Oranje“ kam in der Vorrunde nicht richtig in Tritt und es musste nach drei mageren Unentschieden ein Losentscheid zwischen den punkt- und torgleichen Iren herangezogen werden, wodurch die Niederlande nur als Gruppendritter weiterkam. Das brisante Duell befand sich damals auf seinem Höhepunkt und es wurden Ausschreitungen zwischen den hasserfüllten Fanlagern befürchtet, welche durch die Spieler bei der letzten Europameisterschaft zusätzlich angeheizt wurden. Glücklicherweise blieb es dann in der Stadt und auf den Rängen ruhig und nur die Stimmung auf dem Rasen kochte teilweise über. Das Spiel überließ die deutsche Mannschaft nahezu komplett der niederländischen „Elftal“ und zeigte deutlich, dass die Ausrichtung für die K.o.-Duelle nur noch auf der Verteidigung lag. Bezeichnend, dass diese Mannschaft der einzige Weltmeister ist, der ab dem Viertelfinale kein Tor mehr aus dem Spiel heraus erzielen sollte. Im Nachbarschaftsduell übernahm die Niederlande also die Spielkontrolle und verbuchte in der Anfangsphase gleichmal zwei große Möglichkeiten. Deutschland hatte Probleme Zugriff auf die Partie zu bekommen, bis Rijkaard die Nerven verlor, Völler rüde foulte, provozierte und vom Platz flog. Leider hatte der Schiedsrichter das Geschehen nicht im Griff und schickte „Tante Käthe“, der anschließend von „Lama“ Rijkaard mehrfach bespuckt wurde, ebenfalls vorzeitig zum Duschen. Fortan entwickelte sich ein ausgeglichenes Spiel und der Verlust eines wichtigen Abwehrspielers, wog bei den Holländern schwerer als der Offensivausfall bei den Deutschen. Kurz nach der Pause nutzte der zur Hochform auflaufende Klinsmann eine erstklassige Vorarbeit von Defensivspezialist Buchwald zum 1:0. Danach gab es hochkarätige Torgelegenheiten auf beiden Seiten und Brehmes herrlicher Schlenzer (85.) entschied die packende, emotionale Partie für die DFB-Auswahl. Eine mit ihren Chancen schlampig umgehende deutsche Elf, ließ den „Kaiser“ im Viertelfinale gegen die Tschechoslowakei wegen des knappen 1:0 erzürnen und Augenthaler ist sich bis heute nicht sicher, ob seine Erregung bis zum Halbfinale abgeklungen war. Nachdem die Engländer engagiert begannen entwickelte sich eine abwartende Partie, in der die Nationalmannschaft nach der Pause erstmals die Initiative ergriff und prompt in Führung ging. Im Anschluss daran agierte man jedoch wieder viel zu passiv, hatte Glück das den Engländern ein berechtigter Elfmeter verwehrt blieb und erfragte sich förmlich den Ausgleichstreffer durch Lineker. Die nun folgende Verlängerung wurde wider Erwarten ein temporeiches Spektakel, wo beide Seiten die Entscheidung suchten, mehrmals am Siegtreffer schnupperten und das DFB-Team die Oberhand im Elfmeterschießen behielt.
Im dritten Finale in Folge, ein Rekord den Brasilien von 1994-2002 egalisieren konnte, kam es zur Neuauflage des 1986er-Finals. Diesmal warteten dezimierte Argentinier, die zu keiner Zeit des Endspiels eine Chance besaßen und die Partie zu einer langweiligen Angelegenheit werden ließen. Da die DFB-Auswahl unbedingt einen Rückstand vermeiden wollte, waren die Offensivbemühungen über weite Teile des Spiels nicht sehr zwingend und es bedurfte letztlich einem schmeichelhaften Elfmeter, um sich verdient zum dritten Mal Weltmeister nennen zu dürfen.
Es sollte, wie im vielleicht schönsten WM-Lied aller Zeiten von der Rocklegende Gianna Nannini besungen, ein italienischer Sommer („Un’estate italiana“) werden. Stattdessen wurde es ein deutscher Sommer, der mit dem WM-Titel für eine wahre Renaissance in der Bundesliga sorgte, jedoch die Nachwuchsprobleme im deutschen Fußball nur für kurze Zeit übertünchen konnte.
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5. Schweiz 1954 (Weltmeister)
Mal abgesehen von den ersten deutschen Weltmeistermannschaften, die mangels zu wenig bewertender Videosequenzen nicht im Ranking sind, gibt es vom 1954er-Team, abgesehen vom Finale, nur Videoausschnitte mit hauptsächlich den Toren zu sehen und ich musste mich größtenteils auf die Textberichte verschiedener Medien verlassen. Zur Vollständigkeit halber: Das jüngste deutsche WM-Aufgebot aller Zeiten, welches 1934 den 3. Platz belegte, würde ich irgendwo im Mittelfeld ansiedeln und die großdeutsche Auswahl von 1938, die als einziges deutsches WM-Team nicht unter die letzten Acht gekommen ist, würde den letzten Platz einnehmen.
Nun aber zur ersten deutschen Weltmeistermannschaft. Die überwiegende Stimmung im Land lautete: „Hoffentlich blamieren die sich nicht“, und ging bei einigen sogar soweit, „dass es rausgeschmissenes Geld ist da runter zu reisen.“ Dies war nicht unbegründet. Zum einen bestand der Kader aus reinen Amateurspielern und zum anderen gingen die „Lauterer“ (Werner Kohlmeyer, Werner Liebrich, Horst Eckel und die Walter-Brüder), die das Gerüst der Mannschaft bildeten, im Endspiel um die deutsche Meisterschaft gegen den Außenseiter Hannover 96 sang- und klanglos unter. Da die Kriegserlebnisse im Ausland verständlicherweise immer noch sehr präsent waren, hatte der DFB Mühe, adäquate Testspielgegner zu finden. Weil es noch keinen Europapokal gab und auch auf das erste Nachkriegsländerspiel gegen die Schweiz (1950) zumeist sportlich wenig aussagekräftige Freundschaftsspiele folgten, da man von den großen Nationen noch weitestgehend geächtet wurde, wusste man nicht wo diese Mannschaft im internationalen Vergleich anzusiedeln war.
Dank des einmalig verwendeten und bescheuerten Gruppenmodus‘ war Herberger zur unpopulären Maßnahme gezwungen worden, im zweiten Vorrundenspiel gegen die übermächtigen Ungarn, einen Großteil seiner Stammkräfte zu schonen, was in der höchsten deutschen WM-Niederlage endete (3:8). Weil Deutschland als ungesetztes Team nur gegen die beiden gesetzten Mannschaften anzutreten hatte, benötigte die DFB-Auswahl einen insgesamt verdienten Sieg gegen die Türken (4:1), um gegen dasselbe Team ein Entscheidungsspiel zu erzwingen. Einen Teil der bösen Briefe, die der Bundestrainer von den erbosten Fans aus der Heimat erhalten hatte, las er seinen Spielern als Motivationsspritze vor dem Spiel vor. Die Türken waren ohne ihren Torwart Turgay und Top-Stürmer Suat ersatzgeschwächt in die Partie gegangen und mussten nach der Pause verletzungsbedingt mit zehn Mann weiterspielen. Ab da an hatte die gut aufgelegte DFB-Elf beim Stand von 3:1 leichtes Spiel und erspielte den bis 1978 höchsten deutschen WM-Sieg.
In der K.o.-Runde traf die Mannschaft zunächst auf die spielerisch weit überlegenen Jugoslawen, die der Nationalmannschaft die Grenzen aufzeigte. Nur mit viel Glück und einem brillanten Torhüter Turek, gelangte das Team mit einem Zufallstreffer (9.) und Sonntagsschuss von Rahn (85.) ins Halbfinale. Dort wartete mit den österreichischen Nachbarn ein ebenfalls stärkerer Gegner. Nachdem die erste halbe Stunde überstanden war, gelang durch Schäfer der unerwartete Führungstreffer. Nach der Pause gelang den Österreichern zwar der schnelle Anschlusstreffer, aber vier Standards, vornehmlich durch Fritz und Ottmar Walter, sorgten für die frühe Entscheidung. Der Schlusspunkt zum 6:1 bedeutete, neben den 1930er Halbfinals die gleichermaßen endeten, den höchsten Vorschlussrundensieg bis 2014.
Der Geist von Spiez hatte also eine deutsche Mannschaft erstmals ins WM-Endspiel geführt, wo erneut die „Magyaren“ warteten. Auch wenn sich die „Puszta-Söhne“, wie sie u.a. in der legendären Radioreportage von Herbert Zimmermann genannt wurden, diesmal der deutschen A-Elf gegenüber sahen, ließen die Mannen um Puskás, Hidegkuti, Kocsis und Bozsik keinen Zweifel aufkommen wie der neue Weltmeister zu heißen hatte. Schon nach acht Minuten führten die Ungarn, die in zuvor 34 Spielen (darunter auch ein 6:3 in Wembley) nur ein einziges Mal verloren hatten, und es bahnte sich erneut ein Debakel an. Doch die aufopferungsvoll kämpfenden Deutschen erzielten den schnellen und unerwarteten Ausgleich (18.), wonach die immer noch selbstsicheren Osteuropäer wütend anrannten und in einem wahren Offensivfeuerwerk beste Gelegenheiten vergaben. Mit zunehmender Spielzeit und immer tieferem Geläuf durch den strömenden Regen, schlichen sich mehr und mehr Selbstzweifel ins ungarische Spiel ein. Bei bestem „Fritz Walter-Wetter“ drehte der im gesamten Turnierverlauf starke Kapitän förmlich auf und riss seine Mannschaft mit, weshalb das Spiel in der zweiten Halbzeit ausgeglichen gestaltet werden konnte und ein wahrer Schlagabtausch begann. Sechs Minuten vor Spielende sorgte der „Boss“, Helmut Rahn, aus dem Hintergrund dann für die Entscheidung und der Jubel kannte keine Grenzen mehr.
Die mit den Kriegsfolgen kämpfende junge Bundesrepublik hatte erstmals ein übergreifendes nationales Gemeinschaftsgefühl zu spüren bekommen und im allgemeinen Siegestaumel hieß es: „Wir sind wieder wer!“ Der Mythos dieser siegreichen Elf ist so populär und tief verankert bei den Deutschen, weshalb darüber sowohl ein Film als auch ein Musical „Das Wunder von Bern“ aufgeführt wurden. Obwohl eine fundierte Meinung auf Grund der wenigen zu bewertenden Bewegtbilder schwierig ist, so muss diese 1954er-Mannschaft weit oben in der Tabelle eingeordnet werden. Nicht zuletzt weil auf dem Weg zum Titel, beim wohlgemerkt offensivfreudigsten WM-Turnier aller Zeiten (5,38 Tore im Schnitt), mit 25 Treffern die meisten aller Weltmeister erzielt wurden. Einzig die später aufkommenden Dopingvorwürfe, nach etlichen Gelbsuchterkrankungen der Spieler, trüben den Rückblick etwas. Aufgeklärt werden konnten diese Vorwürfe nie und der Mannschaftsarzt beteuerte, dass er den Spielern nur Traubenzucker und Vitamin C-Spritzen verabreicht hatte und die Gelbsucht durch verunreinigte Spritzen ausgelöst wurde.
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4. Südafrika 2010 (Halbfinale)
Sein erstes Turnier als verantwortlicher Trainer war mit dem EM-Finaleinzug ein Erfolg gewesen, der allerdings spielerisch kein Fortschritt zur WM 2006 darstellte. Nach der medial argwöhnisch verfolgten Vertragsverlängerung und den mauen Ergebnissen vor der ersten WM auf afrikanischem Boden, stand Löw erstmals unter Druck. Die Erwartungshaltung war wegen des verletzungsbedingten Ausfalles von Kapitän Ballack, der die junge Mannschaft eigentlich führen sollte, schon gesunken. Die Erfahrung, der mit 24,93 Jahren zweitjüngsten eingesetzten Mannschaft, hielt sich auf internationalem Parkett doch stark in Grenzen. Die Startformation ab der K.O.-Runde hatte folgende Länderspielerfahrung zu bieten: Neuer (8), Lahm (68), Mertesacker (65), Friedrich (75), Boateng (6), Schweinsteiger (77), Khedira (8), Müller (5), Özil (13), Podolski (76) und Klose (98). Außerdem war noch keine neue Hierarchie entwickelt worden und mit Friedrich (Abstieg mit der Hertha), Podolski (sechs Scorer beim FC gesammelt) und Klose (Teilzeitarbeiter beim FC Bayern) hatten die Hälfte der erfahrenen Spieler eine rabenschwarze Saison hinter sich.
Löw schwebte von Anfang an ein klarer Plan vor, wie er die Mannschaft spielen lassen wollte und die Nachwuchsleistungszentren brachten erstmals brauchbares Spielermaterial zum Vorschein. In der Defensive wurden die gegnerischen Offensivbemühungen im 4-4-2 ab der Mittellinie empfangen. Nach Ballgewinn sollte risikoreich und schnell der Weg in die Spitze gesucht werden. Bei eigenem Ballbesitz wurde ruhig gespielt, um immer mal wieder das Tempo zu schärfen wenn der Gegner eine Lücke erkennen ließ. Dabei stand die eigene Innenverteidigung, wenn der Gegner es zuließ, ungefähr 40 Meter vom eigenen Tor entfernt.
Die internationale Fachwelt staunte nicht schlecht ob des überraschend attraktiven deutschen Spiels beim Auftakt gegen überforderte Australier. Dynamisch, beweglich und den Ball in den eigenen Reihen zirkulierend, warteten die Deutschen auf den entscheidenden Moment, um dann das Tempo zu forcieren und die „Socceroos“ vor unlösbare Probleme (4:0) zu stellen. Die erste wirkliche Bewährungsprobe wartete dann gegen die unangenehmen, früh attackierenden Serben. Ein geordneter Aufbau war schwer möglich und als die Mannschaft so langsam ins Spiel fand, gab es einen doppelten Rückschlag. Zunächst fiel Klose dem wild Karten verteilenden Schiedsrichter zum Opfer (37.) und mit der ersten Torchance überrumpelten die Serben die geschockte DFB-Auswahl (0:1) sofort. Danach zeigte die junge Elf eine tolle Moral und war klar spielbestimmend mit einem Lattentreffer und vergebenem Elfmeter (60.). Wenig später sollten die Kräfte allmählich nachlassen und die Serben hätten den Sack früher zumachen können.
Auffällig war der abrupt gerissene Spielfluss sobald Mesut Özil das Spielfeld verlassen hatte. Mit seinem Debüt im Jahr 2009 ergaben sich ganz andere Möglichkeiten im Angriffsdrittel und er war an nahezu allen kreativen Momenten im deutschen Offensivspiel beteiligt. Sowohl 2010 als auch 2012 war er der Hauptfaktor für die spielerische Eleganz des Nationalteams. Erst die nach der WM langsam herangeführten Götze, Reus, Kroos und Gündogan verteilten die Kabinettstückchen auf mehrere Schultern.
Die erste Vorrundenniederlage seit 28 Jahren erhöhte den Druck auf die Mannschaft und verunsicherte sie mit zunehmender Spieldauer immer mehr. Die Gruppenkonstellation erlaubte ein sicheres Weiterkommen, gleichbedeutend mit dem Gruppensieg, nur bei einem Sieg über die unangenehmen Ghanaer. Die flinken und beweglichen „Black Stars“ stellten die großgewachsenen Mertesacker und Boateng vor erhebliche Probleme und die unerklärlich vielen Stock- und Abspielfehler der eigenen Defensive beruhigten die Nerven keineswegs. Jederzeit vermittelte das Spiel einem das Gefühl, dass die Ghanaer ein Tor erzielen könnten und erst der Geniestreich Özils (60.) mit der wenig später folgenden Führung der Australier im Parallelspiel, ließ den Herzschlag herunterfahren und so langsam konnte man sich auf den Klassiker gegen England einstellen.
Mit dem Achtelfinale war das Minimalziel erreicht und der weggefallene ehemals lähmende Druck, entfachte bei der sich immer besser verstehenden Truppe eine ganz neue Spielfreude. Darüber hinaus ermöglichte es die abgegebene Favoritenrolle deutlich tiefer zu stehen und auf die eingeübte Konterstärke zu setzen. Sowohl die Engländer als auch die Argentinier bekamen dies zu spüren und wurden regelrecht aus dem Turnier geschossen. Besonders der Teamgeist der Mannschaft imponierte, weil jeder für den anderen alles in die Waagschale warf. Bis auf die jeweilige Phase nach der Halbzeit, wo es beide Male höchste Zeit wurde das der Abstand auf zwei Tore gestellt wurde, hatte das DFB-Team die fußballerischen Schwergewichte im Griff und ließ die Fachwelt staunend zurück. Die Rolle von Michael Ballack übernahm rasch Bastian Schweinsteiger, der zum neuen Taktgeber heranreifte und ein ungeheuer gutes Gespür für die jeweilige Situation besitzt.
Im Halbfinale konnte aber auch er keine entsprechenden Lösungen finden, um die beinahe übermächtigen Spanier zu stoppen. Leider fehlte der unbekümmert aufspielende Thomas Müller gelbgesperrt, der nach dem Turnier zum Torschützenkönig und Shootingstar gekürt wurde. Nahezu 90 Minuten dominierten die Iberer das Spiel und gaben der Nationalmannschaft wenige Gelegenheiten sich zu entfalten. Selbst wenn Löw die Möglichkeit gegeben worden wäre, die Partie mit den Erkenntnissen aus der Niederlage nochmals bei „Null“ beginnen zu lassen, glaube ich nicht, dass sich viel am Spielverlauf geändert hätte. Das Ausscheiden gegen diese Spanier musste man respektvoll hinnehmen, denn in meinen Augen gehört diese spanische Mannschaft zu den größten Länderauswahlteams, die es je gegeben hat. Auf einer Stufe mit Uruguay (Ende der 1920er), Argentinien (Ende der 1940er), Ungarn (1954), Brasilien (1958, 1970) und den Niederlanden (1974).
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3. Mexiko 1970 (Halbfinale)
Wie nahezu vor jedem seiner Turniere stand der medienscheue Helmut Schön auch diesmal in der Kritik. Nach der einmalig verpassten Qualifikation zur EM 1968, weil man die Jugoslawen durch das 0:0 in Albanien (Schmach von Tirana) nicht mehr überholen konnte, gab es etliche Probleme zu lösen. Müller wollte schon seine Nationalmannschaftskarriere beenden, weil er mit dem reaktivierten Seeler nicht harmonieren konnte, Netzer fehlte verletzungsbedingt und war mit seiner vorherigen Rolle auch nicht zufrieden gewesen und die Italien-Legionäre Schnellinger und Haller waren bis kurz vor Turnierstart lange verletzt gewesen. Zu allem Überfluss musste man natürlich auch den extremen Bedingungen Herr werden und das Spiel wurde auf ein kraftschonendes Kurzpassspiel angelegt, indem die brillanten Techniker wie auf Knopfdruck das Tempo verschärfen konnten und herrliche Spielzüge zeigten.
Nachdem die Mannschaft im ersten Spiel gegen Marokko lange Zeit einem Rückstand hinterherlief und infolge zahlreich vergebener Chancen bis zum Schluss um den Sieg zittern musste, stellte Schön die Elf um. Seeler, der wie zu erwarten nicht mit Müller harmonierte, wurde als hängende Spitze bzw. im Mittelfeld eingesetzt und die formschwachen Held und Haller mussten für die klassischen Flügelstürmer Libuda und Löhr weichen. Seitdem lief die Angriffsmaschinerie wie geschmiert und die DFB-Auswahl spielte ihre beste Vorrunde der Geschichte. Ein großartig aufgelegter Libuda machte seinem Spitznamen „Stan“ alle Ehre und ein befreit spielender Gerd Müller sorgte mit zwei Hattricks gegen Bulgarien (5:2) und Peru (3:1) für zwei überzeugende Siege.
Auch wenn die Mannschaft ihre spielerische Form, in den „Alles oder Nichts-Spielen“ gegen die europäischen Schwergewichte, bei weitem nicht auf den Platz bringen konnte, sollten die bisherigen Auftritte nur ein Vorspiel für die an Dramatik und Spannung nicht zu überbietenden WM-Klassiker gewesen sein. Im Viertelfinale machte die Mittagshitze von León beiden Teams sehr zu schaffen und es entwickelte sich ein über weite Strecken langweiliges Mittelfeldgeplänkel. Deutschland versuchte die Partie mit häufigem Kurzpassspiel zu kontrollieren, wohingegen die Engländer nach Ballgewinn deutlich risikofreudiger mit vielen Pässen in die Spitze operierten und mit der einzigen Torchance in der ersten Halbzeit in Führung (31.) gingen. Die Schön-Schützlinge forcierten nach dem Rückstand das Angriffsspiel, aber bis auf harmlose Halbfeldflanken oder Verzweiflungsschüsse sprang nichts dabei herum und stattdessen erhöhten die „Three Lions“ kurz nach der Pause auf 2:0, womit das Spiel entschieden schien, da sie in ihrer fast 100-jährigen Länderspielgeschichte noch keinen 2-Tore-Vorsprung verspielt hatten. Aber wie bei keinem anderen Turnier hatte der Satz, dass „Deutschland erst geschlagen ist, wenn der Abpfiff ertönt“, mehr Berechtigung als in Mexiko 1970. Die Engländer zogen sich immer mehr zurück, wechselten ihren erschöpften Strategen Bobby Charlton aus und nach Beckenbauers-Solo (68.) ging es Schlag auf Schlag. Ein britischer Angriff trudelte nur knapp am Pfosten vorbei und Müller ließ im Gegenzug die 100-prozentige Ausgleichschance liegen, ehe Seeler mit seinem wunderschönen Hinterkopfballtor den unbändigen deutschen Willen belohnte und die Verlängerung erzwang. Dort kämpften beide Teams mit ihren letzten Kraftreserven und die DFB-Elf ging als die glücklichere Mannschaft vom Feld.
Die nicht für möglich gehaltene dramaturgische Steigerung folgte im über 40 Grad heißen Aztekenstadion jedoch noch. Erneut musste das DFB-Team einem frühen Rückstand hinterherrennen, nachdem die Italiener in der 7. Minute in Führung gegangen waren. In einem fehlerhaft geprägten Spiel, wo beide Mannschaften etliche Ballverluste fabrizierten, versuchten sowohl die DFB-Elf als auch die „Squadra Azzurra“ schnell nach vorne zu spielen. Dabei verzeichnete die Nationalmannschaft nahezu alle gefährlichen Torraumszenen und kämpfte nicht nur gegen den Rückstand, sondern auch gegen die Hitze und den Schiedsrichter, der etliche strittige Entscheidungen gegen das DFB-Team fällte und darüber hinaus zwei klare Elfmeter verweigerte, an. Nach zwei Lattentreffern, einem geklärten Ball auf der Linie und einer Vielzahl weiterer Großchancen erzielte ausgerechnet der Italien-Legionär Schnellinger den hochverdienten Ausgleich (90.) und es stand erneut die Verlängerung auf dem Programm. Beide Mannschaften befanden sich in einer Art Trance und die körperlichen Verschleißerscheinungen wirkten sich spürbar auf das Spiel aus. Franz Beckenbauer spielte beispielhaft mit bandagiertem Arm weiter, obwohl er sich in der zweiten Halbzeit das Schultereckgelenk gebrochen hatte. Das Torprotokoll: 2:1 Müller (95.), 2:2 Burgnich (99.), 2:3 Riva (104.), 3:3 Müller und 3:4 Rivera (111.). Letztlich mussten die Deutschen, die schon im Viertelfinale enorm viele Körner eingesetzt hatten, das ungeliebte Spiel um den dritten Platz bestreiten und konnten sichtlich erschöpft einen schmeichelhaften Sieg über Uruguay feiern.
Im Nachhinein sollten die Darbietungen aber nur ein Vorgeschmack auf die folgenden Jahre sein und bei angenehmen Temperaturen legte die Mannschaft bei der EM 1972 ihre vielleicht beste Turnierleistung hin.
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2. Deutschland 1974 (Weltmeister)
Die aus dem Bayern- (Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Breitner, Hoeneß sowie Müller) und Gladbach-Block (Wimmer, Netzer sowie Heynckes), ergänzt von den in Mönchengladbach ausgebildeten Höttges und Erwin Kremers, bestehende Elf, spielte ihre Gegner mit dem kongenialen Duo Beckenbauer/Netzer phasenweise an die Wand und beeindruckte die internationale Fachwelt wie nie zuvor oder danach – bis 2014. Logisch das bei der WM im eigenen Land nur der Titel als zufriedenstellendes Ergebnis herhalten konnte. Der Weg dorthin war steiniger als viele annahmen. Die junge Generation war nicht mehr stromlinienförmig und gehorchte auch nicht mehr bedingungslos. Der erzkonservative DFB hatte wie in Mexiko eine Siegprämie von 30.000 Mark vorgesehen, die den mittlerweile auch vermehrt ums Geld spielenden Profis nicht genug war. Zumal die Konkurrenz in Italien oder den Niederlanden ein Vielfaches von dieser Summe in Aussicht gestellt bekamen. Von einer konzentrierten Vorbereitung in der ebenfalls nicht mehr zeitgemäßen Sportschule Malente konnte jedenfalls keine Rede mehr sein und es kam zur Zerreißprobe zwischen Spielern, Trainer und Verband. Am Ende einigten sich alle Parteien im letzten Moment auf 60.000 Mark und es sollte endlich los gehen.
In einer einfachen Vorrundengruppe tat die Mannschaft, sicherlich noch beeinflusst von der Turniervorbereitung, nicht mehr als nötig und bezwang Chile (1:0) und Australien (3:0) mühelos. Mit einigen tollen Spielzügen und einem Haufen vergebener Tormöglichkeiten war das erwartungsfrohe Publikum aber bei weitem nicht zufrieden und nach der biederen Leistung gegen die DDR war die Stimmung erneut im Keller. Dem gebürtigen Mitteldeutschen Helmut Schön ging die Niederlage bis ins Mark und Beckenbauer übernahm die dringend nötige Mannschaftsaussprache. Erstens weil der feinfühlige Dresdner nach der verlorenen Partie zunächst nicht in der Lage war und zweitens weil es ihm sehr schwer viel, jemandem die unschöne Wahrheit ins Gesicht zu sagen. In Absprache mit seinem Trainer krempelte der Kapitän daraufhin die Mannschaft nach seinen Vorstellungen um und gab Grabowski und Hoeneß einen Denkzettel in Form eines Bankplatzes mit, der sich auszahlen sollte.
Durch die peinliche Niederlage, die letztlich gerne mitgenommen aber nicht beabsichtigt war, rutschte die DFB-Auswahl in die vermeintlich schwächere Gruppe und wich den Mitfavoriten aus Holland und Brasilien aus. Mit einem soliden 2:0 Sieg, gegen einzig und allein defensiv bedachte Jugoslawen, wurde der Grundstein für eine erfolgreiche Zwischenrunde gelegt. In einem atemberaubenden Spiel gegen Schweden fegte die Nationalmannschaft ähnlich wie 2006 über die Skandinavier hinweg. Allerdings vergaß das DFB-Team ein Tor zu schießen und lief nach Edströms Sonntagsschuss (26.) einem Rückstand hinterher. Das einfühlsame Publikum peitschte die unbeeindruckte DFB-Elf weiterhin nach vorne und kurz nach der Pause sorgte ein Doppelschlag für die hochverdiente Führung. Auch der sofortige Ausgleich (54.) zeigte keine negative Wirkung mehr und das ständige Anlaufen aufs schwedische Tor wurde zu Beginn der Schlussviertelstunde belohnt. Nimmermüde Antreiber waren unter anderem Hoeneß und Grabowski, die ebenfalls dazu beitrugen, dass die DFB-Auswahl wohl so viele Hochkaräter wie in keinem anderen WM-Spiel auf dem Chancenzettel verbuchen durfte.
Nachdem zufriedenstellenden Sieg ergab sich eine komfortable Ausgangsposition für die geschichtsträchtige Wasserschlacht von Frankfurt. Gegen die technisch starken Polen genügte ein Unentschieden für das Erreichen des Endspiels und auf dem schwierigen Geläuf, welches kein faires Fußballspiel zuließ, war das ein großer Vorteil. In der ersten Halbzeit stellten sich die Polen deutlich schneller auf die Gegebenheiten ein und scheiterten zweimal am glänzend parierenden Maier. Nach dem Seitenwechsel wussten die Deutschen sich zu wehren, ermöglichten fast keine Torchance mehr und erzielten den vorentscheidenden Treffer durch Müller (76.), der wegen Hoeneß‘ verschossenem Elfmeter (53.) länger auf sich warten ließ als nötig.
Mit dem 1:0 war die Nationalmannschaft verdient im Endspiel angelangt und hatte in der Zwischenrunde mit attraktivem Offensivfußball und einer hoch verteidigenden Mannschaft überzeugt. Die Niederlande beeindruckte mit ihrer revolutionären „Voetbal Total“-Taktik schon vom ersten Spiel an und ging als Favorit in die Partie. Vom Anpfiff weg zeigte die „Elftal“ was sie auszeichnete. Mit ständigen Positionswechseln, Kurzpassspiel, individueller Klasse, Pressing und einer guten Organisation gingen sie in der 2. Minute durch einen Elfmeter in Führung, ohne das die Deutschen den Ball berührt hatten. In der Folge kombinierten die Holländer gefällig ohne große Torgefahr zu entwickeln, was viele als respektlos und überheblich werteten, ich jedoch als deren Auffassung vom schönen Fußballspiel ansehe. Ein umstrittener Elfmeter (25.) verhalf Deutschland zurück ins Spiel und fortan entwickelte sich ein rasantes Finale, welches für mich zu den besten aller Zeiten zählt. Bis zur Pause hatte „Oranje“ am Ausgleich zu knabbern und die Nationalmannschaft nutzte eine ihrer Möglichkeiten zur Pausenführung. In seinem letzten Länderspiel besorgte der historisch beste deutsche Torjäger Gerd Müller (Quote von unfassbaren 1,1 Toren pro Spiel), in seiner typischen Art, die Führung. Nach der Pause hatte Bonhof die große Gelegenheit zum 3:1, wonach die Holländer ihre erste Drangphase einleiteten. Diese überstand die Schön-Elf relativ souverän und bekam einen regulären Müller-Treffer (58.) wegen angeblicher Abseitsstellung zurückgepfiffen. Danach reizte die Mannschaft ihr Glück allerdings bis auf äußerste Aus und hatte mehrmals Fortuna an ihrer Seite. In den letzten zehn Minuten ließen die holländischen Kräfte glücklicherweise spürbar nach und es kamen keine Zweifel mehr am zweiten Weltmeistertitel auf.
Wirklich zum Feiern zumute war den Spielern freilich nicht lange. Auf dem Bankett verbot der DFB nämlich die Anwesenheit der Spielerfrauen, weshalb die geplante Feier schnell zum Ende kam, da die Spieler besseres zu tun hatten, als allein mit den „alten Herren“ abzuhängen.
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1. Brasilien 2014 (Weltmeister)
Die großartigen Erinnerungen an die Weltmeisterschaft in Brasilien liegen noch nicht lange zurück und im Vergleich zu allen anderen deutschen WM-Teams, zählt für mich die „goldene Generation“ von 2014 zur bisher besten deutschen WM-Mannschaft aller Zeiten. Das Auftreten über das gesamte Turnier hinweg war so konstant wie nie zuvor und der angebotene Fußball war ebenfalls so hochklassig wie nie zuvor. Natürlich gibt es auch Kritiker, die gerne etwas bemängeln und immer ein Haar in der Suppe finden werden. So könnte man argumentieren, dass der DFB-Elf gegen Portugal der Spielverlauf sehr in die Karten gespielt hat, gegen Ghana zeitweise Harakiri-Fußball angeboten wurde, gegen die USA ein langweiliges 1:0 heraussprang, gegen Algerien nur mit viel Glück und Manuel Neuer das Viertelfinale erreicht wurde, die taktischen Maßnahmen gegen Frankreich nur durch den öffentlichen Druck ergriffen wurden, das 7:1 nur wegen paralysierter Brasilianer entstanden ist und die Argentinier nur zu „blöd“ waren das Tor nicht zu treffen und der Finalsieg somit äußerst glücklich war.
Dieses Spiel lässt sich aber mit nahezu jedem Fußballspiel spielen, weil es im Weltfußball auf der Gegenseite immer einen Kontrahenten gibt, der auch etwas mit dem Ball anzufangen weiß. In vier Wochen ist es deshalb nicht möglich ohne Glück durch ein Turnier zu marschieren und schon gar nicht jeden Gegner 90 Minuten zu dominieren.
Nach den hohen Erwartungen an die EURO 2012, war das Halbfinalaus gegen Italien eine große Enttäuschung. Löw stand im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik, da die Niederlage hauptsächlich an seinen, im Nachhinein, falschen taktischen Entscheidungen festgemacht wurde. Die eher negative Stimmung gegenüber der Nationalmannschaft ebbte auch durch eine erneut souverän erlangte WM-Qualifikation nicht ab. Das Festhalten an vielen eigentlichen Leistungsträgern, die durch schwache Darbietungen oder Verletzungen nicht in Form waren, machte den Bundestrainer auch zu WM-Beginn angreifbar. Wie zuvor auch Helmut Schön stand Jogi Löw hinter seinen vertrauten Spielern, die großen Anteil an den erfolgreichen vergangenen Turnieren hatten. Durch die vielen angeschlagenen (Neuer, Schweinsteiger, Khedira, Klose und Höwedes) oder gar verletzt ausfallen Akteuren (Reus, Badstuber, Gündogan und Bender) war der Glaube an ein erfolgreiches Turnier bei vielen Fans zurückgegangen. Vor allem der personelle Engpass im zentralen Mittelfeld zwang Löw zu der öffentlich unpopulären Maßnahme, Philipp Lahm zunächst im Mittelfeld aufzubieten, da Khedira und Schweinsteiger wahrscheinlich kein komplettes Turnier auf hohem Niveau hätten bestreiten können.
In der Vorrunde lief zunächst alles wie geschmiert und die Mannschaft untermauerte ihren Status als WM-Mitfavorit mit einem überzeugenden 4:0-Sieg gegen Portugal. In einem auf überwiegend spielerischer Kontrolle angelegten zweiten Spiel, reichten 15 schwache Minuten gegen Ghana (2:2), um den sicher geglaubten Achtelfinaleinzug auf das letzte Gruppenspiel verschieben zu müssen. Gegen harmlose Amerikaner (1:0) geriet das DFB-Team dann zu keiner Zeit in Gefahr und tat nicht mehr als nötig, um den kräftezehrenden tropischen Bedingungen im brasilianischen Norden entgegenzuwirken.
In der K.o.-Runde stellten sich letztlich die unangenehmen Algerier als größter Stolperstein dar. Die tiefverteidigenden, hartnäckig störenden „Wüstenfüchse“ bereiteten der deutschen Elf, vor allem in der ersten Halbzeit enorme Probleme. Unerklärlich viele Fehler im eigenen Aufbauspiel ermöglichten den Nordafrikanern einige gefährlich Konter und erst nach der Pause trat die Nationalmannschaft so auf, wie man es von ihr erwarten konnte. Durch die mangelhafte Chancenverwertung musste obendrein noch in der Verlängerung nachgesessen werden, um das Ticket fürs Viertelfinale zu erlangen. Der noch erschöpft wirkenden DFB-Auswahl, die ihre Stammformation endgültig gefunden hatte, spielte die frühe Führung (13.), gegen die seit Jahren nicht mehr so gut aufgelegten Franzosen, enorm in die Karten. Bis auf eine 20 minütige Phase in der zweiten Halbzeit brachte man das Ergebnis kontrolliert und kräfteschonend über die Zeit und sollte im Halbfinale für historisches Sorgen. Wie wenige andere Spiele zuvor oder danach, wird der nicht in Worte zu fassende 7:1-Sieg gegen Rekordweltmeister Brasilien, in den Gedächtnissen der Fußballfans verankert bleiben. In einem seit Jahren nicht mehr so packenden WM-Finale, sind die spielerisch überlegenen Deutschen am Ende die glücklichere Mannschaft gegenüber Argentinien gewesen. Mit dem vielleicht schönsten siegbringenden WM-Finaltreffer, schoss Mario Götze (113.) Deutschland zurück in den „Fußballhimmel“.
Der sportliche Weg, dieser im besten Fußballalter befindlichen Mannschaft, scheint noch lange nicht am Ende angelangt zu sein. Durch die vorbildliche Nachwuchsarbeit kann der Bundestrainer auf eine große Anzahl an talentierten Spielern zurückgreifen, die in der mittlerweile wieder konkurrenzfähigen Bundesliga durch gute Trainer erstklassig entwickelt werden.
Auch in gesellschaftlicher Hinsicht ist diese Mannschaft mehr als ein Vorbild und beweist, dass es keinen negativen Vorurteilen gegenüber Migranten bedarf!
Zum Abschluss noch meine 10 Lieblingsspiele:
1. Halbfinale 7:1 Brasilien (2014)
2. Finale 3:2 Ungarn (1954)
3. Achtelfinale 2:1 Niederlande (1990)
4. Finale 2:1 Niederlande (1974)
5. Viertelfinale 4:0 Argentinien (2010)
6. Finale 1:0 Argentinien (2014)
7. Zwischenrunde 4:2 Schweden (1974)
8. Halbfinale 3:4 n.V. Italien (1970)
9. Finale 0:2 Brasilien (2002)
10. Halbfinale 2:0 Frankreich (1986)
Dieser Beitrag wurde zuletzt von 19Schnix25 am 27.02.2016 um 14:44 Uhr bearbeitet
27.02.2016 - 19:40 Uhr
Ich bin hier schon seit langer Zeit unterwegs (auch wenns wegen meinem "neuen" Account vllt nicht so aussieht).
Dein Post ist einfach nur Monumental. Einfach nur Hut ab.
Meine persönlich-emotionale Wertung ist :
1. 1954: wegen der historie... trotz dopingverdacht)
2. 1990: meine erst WM die ich wirklich mitbekam mit 10 jahren und einfach nur eine Wundebare Erinnerung. Eine Folge ist vllt sogar meine Affinität für Italien als Urlaubsland
3. 2014: das vllt historischste Spiel der deutschen WM Geschichte im Halbfinale... leider wegen dem khedira-ausfall im Finale wohl nicht der verdientere Sieger- das trübt das ganz für mich doch in gewissem maße
Das Ganze ist nicht analytisch betrachtet wie bei dir, aber dafür bedürfte es den Aufwand den du betrieben hast. Einfach nur Hut ab für diese sachliche Geschichtserzählung!
Wie kommt man an die Spiele um diese zu sehen?
Dein Post ist einfach nur Monumental. Einfach nur Hut ab.
Meine persönlich-emotionale Wertung ist :
1. 1954: wegen der historie... trotz dopingverdacht)
2. 1990: meine erst WM die ich wirklich mitbekam mit 10 jahren und einfach nur eine Wundebare Erinnerung. Eine Folge ist vllt sogar meine Affinität für Italien als Urlaubsland
3. 2014: das vllt historischste Spiel der deutschen WM Geschichte im Halbfinale... leider wegen dem khedira-ausfall im Finale wohl nicht der verdientere Sieger- das trübt das ganz für mich doch in gewissem maße
Das Ganze ist nicht analytisch betrachtet wie bei dir, aber dafür bedürfte es den Aufwand den du betrieben hast. Einfach nur Hut ab für diese sachliche Geschichtserzählung!
Wie kommt man an die Spiele um diese zu sehen?
28.02.2016 - 08:19 Uhr
@19Schnix25
Interessante Sache dieser Thread.
Habe ihn gestern abend entdeckt und mir deine Einschätzung/deine Wertung durchgelesen, denke mal wir sind in etwa in der gleichen Altersklasse unterwegs (20-30) ? Mein Vater hat sich danach dein Post durchgelesen, seine erste WM die er verfolgt hat war die von 1954. Daraus entwickelte sich gestern abend eine lange und interessante Diskussion, interessanterweise haben wir bei den Turnieren an die ich mich richtig gut erinnern kann, fast die gleiche Einschätzung, die auch ziemlich deckungsgleich mit deiner Einschätzung ist. Hingegen sind die Turniere (die ich nur von VIdeomaterial oder Sonderheften/Bücher) kenne, für mich schwer einzuschätzen gewesen bzw. gehen meine Überlegungen großteils in deine Richtung. Mein Vater hat eine etwas andere Sicht auf die älteren Turniere, andere Voraussetzungen, andere Situationen usw., wobei er bei einigen Sachen von dir vehement mit dem Kopf geschüttelt hat.
Insgesamt muss ich aber meinen Hut ziehen, starke Leistung, daher auch die Wertung.
Interessante Sache dieser Thread.
Habe ihn gestern abend entdeckt und mir deine Einschätzung/deine Wertung durchgelesen, denke mal wir sind in etwa in der gleichen Altersklasse unterwegs (20-30) ? Mein Vater hat sich danach dein Post durchgelesen, seine erste WM die er verfolgt hat war die von 1954. Daraus entwickelte sich gestern abend eine lange und interessante Diskussion, interessanterweise haben wir bei den Turnieren an die ich mich richtig gut erinnern kann, fast die gleiche Einschätzung, die auch ziemlich deckungsgleich mit deiner Einschätzung ist. Hingegen sind die Turniere (die ich nur von VIdeomaterial oder Sonderheften/Bücher) kenne, für mich schwer einzuschätzen gewesen bzw. gehen meine Überlegungen großteils in deine Richtung. Mein Vater hat eine etwas andere Sicht auf die älteren Turniere, andere Voraussetzungen, andere Situationen usw., wobei er bei einigen Sachen von dir vehement mit dem Kopf geschüttelt hat.
Insgesamt muss ich aber meinen Hut ziehen, starke Leistung, daher auch die Wertung.
28.02.2016 - 09:33 Uhr
Wow Schnix, danke für dieses Vermächtnis. Einer der besten Beiträge aller Zeiten.
Dieser Beitrag wurde zuletzt von MendietaVNR am 28.02.2016 um 09:33 Uhr bearbeitet
28.02.2016 - 10:43 Uhr
@franicks
Viele Spiele mit deutscher Kommentierung sind mittlerweile bei youtube gelöscht worden. Die 2006er und 2010er WM ist leider im Moment gar nicht abrufbar. Von den letzten drei Turnieren habe ich allerdings die Alle Deutschland-Spiele Box zu Hause. Trotzdem finde ich es schade und ich verstehe nicht ganz warum man die auf einmal sperrt, denn viel Geld macht man damit nicht mehr. Zumindest wenn man bedenkt, dass für die Live-Übertragungsrecht Milliarden eingenommen werden.
Ansonsten gibt es fast alle Spiele komplett anzusehen. Viele sind zwar mit ausländischem Kommentar, aber das störte mich nicht. Wenn es nicht gerade ein englischer war hab ich einfach Musik dabei gehört. Man muss halt bei youtube in der Suchleiste einfach: Germany, Allemagne oder Alemania und entsprechend den Gegner eingeben.
@DortmunderJunge
Mich würde mal ein Beispiel interessieren, wo dein Vater mit dem Kopf geschüttelt hat.
Bei den früheren Turnier (vor 2002) hatte ich natürlich das Problem, dass ich nur die Spiele gesehen habe, aber die Hintergründe und die jeweilige Situation nur aus Büchern entnehmen konnte.
Zudem habe ich mir alle Spiele aus heutiger Sicht angesehen und auch wenn ich meine Bewertung auch auf damalige Verhältnisse angepasst habe (Das Tempo kann man deshalb nur schwerlich als Vergleichspunkt heranziehen), können die Wahrnehmungen/Erinnerung stark varieren.
Ich habe es ja selber bei der 2006er WM gemerkt. Ich habe mir nach Südafrika die Spiele im eigenen Land bis nach 2014 nicht mehr angesehen und war teils erschrocken, wie schwach das eigene Spiel in der Offensive doch noch war.
Viele Spiele mit deutscher Kommentierung sind mittlerweile bei youtube gelöscht worden. Die 2006er und 2010er WM ist leider im Moment gar nicht abrufbar. Von den letzten drei Turnieren habe ich allerdings die Alle Deutschland-Spiele Box zu Hause. Trotzdem finde ich es schade und ich verstehe nicht ganz warum man die auf einmal sperrt, denn viel Geld macht man damit nicht mehr. Zumindest wenn man bedenkt, dass für die Live-Übertragungsrecht Milliarden eingenommen werden.
Ansonsten gibt es fast alle Spiele komplett anzusehen. Viele sind zwar mit ausländischem Kommentar, aber das störte mich nicht. Wenn es nicht gerade ein englischer war hab ich einfach Musik dabei gehört. Man muss halt bei youtube in der Suchleiste einfach: Germany, Allemagne oder Alemania und entsprechend den Gegner eingeben.
@DortmunderJunge
Mich würde mal ein Beispiel interessieren, wo dein Vater mit dem Kopf geschüttelt hat.
Bei den früheren Turnier (vor 2002) hatte ich natürlich das Problem, dass ich nur die Spiele gesehen habe, aber die Hintergründe und die jeweilige Situation nur aus Büchern entnehmen konnte.
Zudem habe ich mir alle Spiele aus heutiger Sicht angesehen und auch wenn ich meine Bewertung auch auf damalige Verhältnisse angepasst habe (Das Tempo kann man deshalb nur schwerlich als Vergleichspunkt heranziehen), können die Wahrnehmungen/Erinnerung stark varieren.
Ich habe es ja selber bei der 2006er WM gemerkt. Ich habe mir nach Südafrika die Spiele im eigenen Land bis nach 2014 nicht mehr angesehen und war teils erschrocken, wie schwach das eigene Spiel in der Offensive doch noch war.
28.02.2016 - 11:40 Uhr
Zitat von 19Schnix25
@DortmunderJunge
Mich würde mal ein Beispiel interessieren, wo dein Vater mit dem Kopf geschüttelt hat.
Bei den früheren Turnier (vor 2002) hatte ich natürlich das Problem, dass ich nur die Spiele gesehen habe, aber die Hintergründe und die jeweilige Situation nur aus Büchern entnehmen konnte.
Zudem habe ich mir alle Spiele aus heutiger Sicht angesehen und auch wenn ich meine Bewertung auch auf damalige Verhältnisse angepasst habe (Das Tempo kann man deshalb nur schwerlich als Vergleichspunkt heranziehen), können die Wahrnehmungen/Erinnerung stark varieren.
Ich habe es ja selber bei der 2006er WM gemerkt. Ich habe mir nach Südafrika die Spiele im eigenen Land bis nach 2014 nicht mehr angesehen und war teils erschrocken, wie schwach das eigene Spiel in der Offensive doch noch war.
@DortmunderJunge
Mich würde mal ein Beispiel interessieren, wo dein Vater mit dem Kopf geschüttelt hat.
Bei den früheren Turnier (vor 2002) hatte ich natürlich das Problem, dass ich nur die Spiele gesehen habe, aber die Hintergründe und die jeweilige Situation nur aus Büchern entnehmen konnte.
Zudem habe ich mir alle Spiele aus heutiger Sicht angesehen und auch wenn ich meine Bewertung auch auf damalige Verhältnisse angepasst habe (Das Tempo kann man deshalb nur schwerlich als Vergleichspunkt heranziehen), können die Wahrnehmungen/Erinnerung stark varieren.
Ich habe es ja selber bei der 2006er WM gemerkt. Ich habe mir nach Südafrika die Spiele im eigenen Land bis nach 2014 nicht mehr angesehen und war teils erschrocken, wie schwach das eigene Spiel in der Offensive doch noch war.
An Anfang muss ich natürlich noch dazu sagen, das die ältere Generation natürlich einen anderen Blick auf die Spiele von damals hatte, als unser eins.
Er sieht z.B. 1962 anders, weil für ihn diese Zeit eine Umbruchphase markiert, es war eigentlich klar das es nach dem Turnier Veränderungen geben muss, somit ist seine Generation als Fan wohl mit ziemlich geringen Erwartungen ans Turnier herangegangen, ähnlich wie unsereins an die EM 2000.
1982 sieht er ebenfalls anders, das Turnier hat er im Mittelfeld für sich eingeordnet. Wie du schon sagtest, charakterlich nicht wirklich nen gutes Team, aber dennoch gutes Ansehen in Deutschland, generell eine gute Zeit für die Nationalelf (siehe Turnier 1978/1986).
Südafrika 2010 markiert zwar für ihn die neue Nationalmannschaft, sieht er qualitativ aber auch eher mittig.
Natürlich muss man bedenken das das die Meinung eines einzelnen ist und die Turniere ja schon ein paar Jahre zurückliegen, und damals war das wohl auch noch was anderes wenn Deutschland gespielt hatte.
29.02.2016 - 12:14 Uhr
Zunächst mal: Vielen Dank für den wundervollen Beitrag
Ja, aucvh zu meinen heimlichen Leidenschaften gehört es, sich lange Abende mit Videos vergangener WMs zu vertreiben. Die FIFA fährt ja netterweise bislang die Politik, entsprechende Videos zB auf youtube nicht zu sperren … was die UEFA so macht; Matches früherer Europameisterschaften gibt es dort nur sehr wenig. (Dass sich die UEFA dabei auf ein angebliches Urheberrexcht beruft, ist angesichts der eindeutigen anderen Rechtslage eine Unverschämtheit, aber youtubes Maßstäbve und Entscheidungen sind intransparent und nichtöffentlich; mal sehen, ob sich bei der FIFA unter Herrn Infantino daran was ändert.) Wer sicvh beim Finden schwertut: Namen der beteiligten Länder plus Jahreszahl auf Englisch eingeben und ggf. das Spiel in anderer Sprache ansehen.
So kann man die alten Bilder nochmal anschauen, die Aufregung und Spannung nacherleben, rauschende Kommentatorenleitungen hören, beim Schwenken ins Publikum die Gesichter anschauen, die Frisuren, die Hüte. Man kann Entwicklungen des Spiels plastisch erkennen – teilweise kommt es einem vor, als war das früher ein völlig anderes Spiel, als spielten die auf einem anderen Planeten. Wieviel Platz früher war! Was es für absurd schlechten Rasen gab! Wieviel schlechte Ballannahmen! Was für katastrophale Schiedsrichterleistungen! Und immer, immer wieder gibts Aha-Erlebnisse: Ach, so war das ... ganz anders, als ich es in Erinnerung hatte; ganz anders, als die Alten es erzählen. (Gilt übrigens auch im Quervergleich: Man vergleiche mal die individuelle und kollektive Klasse beim 98er Viertelfinale Holland-Argentinien ( Kicker-Spielnote: 2,5, http://www.kicker.de/news/fussball/wm/spiele/weltmeisterschaft/1998/5/100010/spielanalyse_niederlande_argentinien.html ) mit den gezeigten Leistungen der DFB-Elf bei diesem Turnier. Ein anderer Planet, auch insofern).
Auch Kommentatorenleistungen kann man sich anschauen und entdecken: Wie zB Marcel Reif die WM 1994 kommentiert – ein Quantensprung zum Unfug, den Faßbender, Rubenbauer oder Dieter Kürten daherschwätzen; oder: die sparsame eingesetzte Stimme von Rolf Kramer, lässt den Zuschauer das Drama immer wieder neu miterleben – was für ein Kontrast zu Rudi Michel, der als Tatteronkel Stammtisch drescht. (Oder, jünger: Wer sich die Übertragung von Deutschland-Brasilien 2014 in anderen Sprachen anschaut, merkt, wie ALLE innerhalb der ersten zehn Minuten Marcelo und die linke brasilianische Seite als Schwachpunkt ausmachen und sich wundern, was Müller so alles mit denen anstellen wird: Die BBC, ESPN, TF1, der Chilene … ALLE. Preisfrage: Wann erwähnt es Bely Rethy? Antwort: Bis zum Spielende nicht. Der steht und staunt wie ein Kind, mit offenem Mund, stammelt was von "Wahnsinn", zur Analyse nicht fähig, sprachlich und inhaltlich ein Totalausfall).
Das gesagt habend: Ich werd nochmal ein paar Sachen dazu schreiben, wenn ich etwas mehr Zeit hab. Einige der deutschen WM-Leistungen bleiben für mich im nachhinein seltsam schwer faßbar, vor allem die von 1958 und 1962. Für mich beginnt, kulturell und vom Fußballverständnis, da mit Helmut Schön schon eine ganz neue Zeit, vlt auch, weil die 66er Mannschaft ja sehr jung war. Bei den WMs meiner Kindheit (1982, 1986) tu ich mich sehr schwer, kritische Distanz aufzubauen … ich weiß ja noch, wie ich mich um Mitternacht auf den Dachboden geschlichen hab, als Elfjähriger 1986, für das Spiel gegen Mexiko. Die jüngeren, schlimmen Auftritte, vor allem die von 1998 und 2002, hingegen kriegen von mir kein Mitleid. Was für schlechte Raumaufteilungen im nachhinein! Was für ein Chaos auf dem Platz! Wie wenig Fluß, wie viel Gestocher und Gestümper! Wieviele leichte Fangfehler beim Titanen, die man jedem Regionalligakeeper um die Ohren hauen würde!
Weil ich merke, dass ich da die verschiedenen Generationen so ungerecht beurteile, bin ich da zurückhaltend mit einem Ranking. Trotzdem werd ich wie gesagt mich beizeiten mal hinsetzen und meinen Senf abgeben. Heute nur mal, als Ergänzung (und das soll natürlich nicht schnix‘ Beitrag schmälern), noch ein Hinweis auf https://t0bstar.wordpress.com/2015/10/29/mein-ranking-der-deutschen-wm-teilnehmer/ , wo das Thema sehr ähnlich angegangen wurde; der Blogger ist einer der Typen von spielverlagerung, wenn ichs richtig im Kopf hab.
Ja, aucvh zu meinen heimlichen Leidenschaften gehört es, sich lange Abende mit Videos vergangener WMs zu vertreiben. Die FIFA fährt ja netterweise bislang die Politik, entsprechende Videos zB auf youtube nicht zu sperren … was die UEFA so macht; Matches früherer Europameisterschaften gibt es dort nur sehr wenig. (Dass sich die UEFA dabei auf ein angebliches Urheberrexcht beruft, ist angesichts der eindeutigen anderen Rechtslage eine Unverschämtheit, aber youtubes Maßstäbve und Entscheidungen sind intransparent und nichtöffentlich; mal sehen, ob sich bei der FIFA unter Herrn Infantino daran was ändert.) Wer sicvh beim Finden schwertut: Namen der beteiligten Länder plus Jahreszahl auf Englisch eingeben und ggf. das Spiel in anderer Sprache ansehen.
So kann man die alten Bilder nochmal anschauen, die Aufregung und Spannung nacherleben, rauschende Kommentatorenleitungen hören, beim Schwenken ins Publikum die Gesichter anschauen, die Frisuren, die Hüte. Man kann Entwicklungen des Spiels plastisch erkennen – teilweise kommt es einem vor, als war das früher ein völlig anderes Spiel, als spielten die auf einem anderen Planeten. Wieviel Platz früher war! Was es für absurd schlechten Rasen gab! Wieviel schlechte Ballannahmen! Was für katastrophale Schiedsrichterleistungen! Und immer, immer wieder gibts Aha-Erlebnisse: Ach, so war das ... ganz anders, als ich es in Erinnerung hatte; ganz anders, als die Alten es erzählen. (Gilt übrigens auch im Quervergleich: Man vergleiche mal die individuelle und kollektive Klasse beim 98er Viertelfinale Holland-Argentinien ( Kicker-Spielnote: 2,5, http://www.kicker.de/news/fussball/wm/spiele/weltmeisterschaft/1998/5/100010/spielanalyse_niederlande_argentinien.html ) mit den gezeigten Leistungen der DFB-Elf bei diesem Turnier. Ein anderer Planet, auch insofern).
Auch Kommentatorenleistungen kann man sich anschauen und entdecken: Wie zB Marcel Reif die WM 1994 kommentiert – ein Quantensprung zum Unfug, den Faßbender, Rubenbauer oder Dieter Kürten daherschwätzen; oder: die sparsame eingesetzte Stimme von Rolf Kramer, lässt den Zuschauer das Drama immer wieder neu miterleben – was für ein Kontrast zu Rudi Michel, der als Tatteronkel Stammtisch drescht. (Oder, jünger: Wer sich die Übertragung von Deutschland-Brasilien 2014 in anderen Sprachen anschaut, merkt, wie ALLE innerhalb der ersten zehn Minuten Marcelo und die linke brasilianische Seite als Schwachpunkt ausmachen und sich wundern, was Müller so alles mit denen anstellen wird: Die BBC, ESPN, TF1, der Chilene … ALLE. Preisfrage: Wann erwähnt es Bely Rethy? Antwort: Bis zum Spielende nicht. Der steht und staunt wie ein Kind, mit offenem Mund, stammelt was von "Wahnsinn", zur Analyse nicht fähig, sprachlich und inhaltlich ein Totalausfall).
Das gesagt habend: Ich werd nochmal ein paar Sachen dazu schreiben, wenn ich etwas mehr Zeit hab. Einige der deutschen WM-Leistungen bleiben für mich im nachhinein seltsam schwer faßbar, vor allem die von 1958 und 1962. Für mich beginnt, kulturell und vom Fußballverständnis, da mit Helmut Schön schon eine ganz neue Zeit, vlt auch, weil die 66er Mannschaft ja sehr jung war. Bei den WMs meiner Kindheit (1982, 1986) tu ich mich sehr schwer, kritische Distanz aufzubauen … ich weiß ja noch, wie ich mich um Mitternacht auf den Dachboden geschlichen hab, als Elfjähriger 1986, für das Spiel gegen Mexiko. Die jüngeren, schlimmen Auftritte, vor allem die von 1998 und 2002, hingegen kriegen von mir kein Mitleid. Was für schlechte Raumaufteilungen im nachhinein! Was für ein Chaos auf dem Platz! Wie wenig Fluß, wie viel Gestocher und Gestümper! Wieviele leichte Fangfehler beim Titanen, die man jedem Regionalligakeeper um die Ohren hauen würde!
Weil ich merke, dass ich da die verschiedenen Generationen so ungerecht beurteile, bin ich da zurückhaltend mit einem Ranking. Trotzdem werd ich wie gesagt mich beizeiten mal hinsetzen und meinen Senf abgeben. Heute nur mal, als Ergänzung (und das soll natürlich nicht schnix‘ Beitrag schmälern), noch ein Hinweis auf https://t0bstar.wordpress.com/2015/10/29/mein-ranking-der-deutschen-wm-teilnehmer/ , wo das Thema sehr ähnlich angegangen wurde; der Blogger ist einer der Typen von spielverlagerung, wenn ichs richtig im Kopf hab.
29.02.2016 - 12:47 Uhr
Zitat von Korf
Weil ich merke, dass ich da die verschiedenen Generationen so ungerecht beurteile, bin ich da zurückhaltend mit einem Ranking. Trotzdem werd ich wie gesagt mich beizeiten mal hinsetzen und meinen Senf abgeben. Heute nur mal, als Ergänzung (und das soll natürlich nicht schnix‘ Beitrag schmälern), noch ein Hinweis auf https://t0bstar.wordpress.com/2015/10/29/mein-ranking-der-deutschen-wm-teilnehmer/ , wo das Thema sehr ähnlich angegangen wurde; der Blogger ist einer der Typen von spielverlagerung, wenn ichs richtig im Kopf hab.
Weil ich merke, dass ich da die verschiedenen Generationen so ungerecht beurteile, bin ich da zurückhaltend mit einem Ranking. Trotzdem werd ich wie gesagt mich beizeiten mal hinsetzen und meinen Senf abgeben. Heute nur mal, als Ergänzung (und das soll natürlich nicht schnix‘ Beitrag schmälern), noch ein Hinweis auf https://t0bstar.wordpress.com/2015/10/29/mein-ranking-der-deutschen-wm-teilnehmer/ , wo das Thema sehr ähnlich angegangen wurde; der Blogger ist einer der Typen von spielverlagerung, wenn ichs richtig im Kopf hab.
Da sieht man schon wie unterschiedlich diese Einschätzungen bezüglich dieser Listen sind, gibt schon einige Abweichungen zwischen @19Schnix25 und dem Blog Beitrag.
29.02.2016 - 17:07 Uhr
Zitat von DortmunderJunge
Er sieht z.B. 1962 anders, weil für ihn diese Zeit eine Umbruchphase markiert, es war eigentlich klar das es nach dem Turnier Veränderungen geben muss, somit ist seine Generation als Fan wohl mit ziemlich geringen Erwartungen ans Turnier herangegangen, ähnlich wie unsereins an die EM 2000.
Wahrscheinlich wird sich seine Enttäuschung bei der 1962er WM auch in Grenzen gehalten haben, aber es ändert ja aus heutiger Sicht nichts an der Tatsache, dass es relativ gesehen ein schwaches Turnier war. Er sieht z.B. 1962 anders, weil für ihn diese Zeit eine Umbruchphase markiert, es war eigentlich klar das es nach dem Turnier Veränderungen geben muss, somit ist seine Generation als Fan wohl mit ziemlich geringen Erwartungen ans Turnier herangegangen, ähnlich wie unsereins an die EM 2000.
Bei der EURO 2012 habe ich ähnliche Probleme. Die Erwartungen waren extrem hoch und innerlich war ich darauf gepolt, dass nur eine Niederlage gegen Spanien verzeihbar wäre. Deshalb habe ich auch bis nach der WM 2014 gebraucht, um mir die Spiele nochmals anzusehen. Insgesamt war es nämlich ein sehr gutes Turnier - fußballerisch. Es war der schwierige Übergang von einem abwartenden Konterspiel hin zum dominanten komplett auf Ballbesitz und Passspiel basierenden Fußball in vollem Gange. Das Halbfinale musste man dann sicherlich nicht verlieren - auch wenn die Italiener an diesem Abend stark waren. Auch wenn Umstellungen nicht so gefruchtet haben wie Löw sich das vorstellte (ich habe meinen Vater übrigens die gleiche Aufstellung einen Tag vorher so präsentiert, einzig Müller für Podolski dringehabt), hat man das Spiel hauptsächlich wegen individueller Fehler verloren. Was ich im Nachhinein als größeres Problem ansehe waren die Wechsel im Griechenlandspiel, da ein eingespieltes Team im schnellen Turnierrhythmus besser unverändert das Ding durchzieht.
Zitat von DortmunderJunge
Da sieht man schon wie unterschiedlich diese Einschätzungen bezüglich dieser Listen sind, gibt schon einige Abweichungen zwischen @19Schnix25 und dem Blog Beitrag.
Zitat von Korf
Weil ich merke, dass ich da die verschiedenen Generationen so ungerecht beurteile, bin ich da zurückhaltend mit einem Ranking. Trotzdem werd ich wie gesagt mich beizeiten mal hinsetzen und meinen Senf abgeben. Heute nur mal, als Ergänzung (und das soll natürlich nicht schnix‘ Beitrag schmälern), noch ein Hinweis auf https://t0bstar.wordpress.com/2015/10/29/mein-ranking-der-deutschen-wm-teilnehmer/ , wo das Thema sehr ähnlich angegangen wurde; der Blogger ist einer der Typen von spielverlagerung, wenn ichs richtig im Kopf hab.
Weil ich merke, dass ich da die verschiedenen Generationen so ungerecht beurteile, bin ich da zurückhaltend mit einem Ranking. Trotzdem werd ich wie gesagt mich beizeiten mal hinsetzen und meinen Senf abgeben. Heute nur mal, als Ergänzung (und das soll natürlich nicht schnix‘ Beitrag schmälern), noch ein Hinweis auf https://t0bstar.wordpress.com/2015/10/29/mein-ranking-der-deutschen-wm-teilnehmer/ , wo das Thema sehr ähnlich angegangen wurde; der Blogger ist einer der Typen von spielverlagerung, wenn ichs richtig im Kopf hab.
Da sieht man schon wie unterschiedlich diese Einschätzungen bezüglich dieser Listen sind, gibt schon einige Abweichungen zwischen @19Schnix25 und dem Blog Beitrag.
Dieser Blogeintrag hat mich erst auf die Idee gebracht ein eigenes Ranking aufzustellen :-). Er ist zwar deutlich angenehmer zu lesen, weil er einfach kürzer ist. Jedoch wollte ich bewusst etwas genauer den jeweiligen Turnierverlauf beschreiben, damit das Ganze nicht so oberflächlich bleibt und man erahnen kann warum gerade diese und jene Platzierung zu den einzelnen Turnieren gehört.
Zitat von Korf
Bei den WMs meiner Kindheit (1982, 1986) tu ich mich sehr schwer, kritische Distanz aufzubauen … ich weiß ja noch, wie ich mich um Mitternacht auf den Dachboden geschlichen hab, als Elfjähriger 1986, für das Spiel gegen Mexiko. Die jüngeren, schlimmen Auftritte, vor allem die von 1998 und 2002, hingegen kriegen von mir kein Mitleid.
Bei den WMs meiner Kindheit (1982, 1986) tu ich mich sehr schwer, kritische Distanz aufzubauen … ich weiß ja noch, wie ich mich um Mitternacht auf den Dachboden geschlichen hab, als Elfjähriger 1986, für das Spiel gegen Mexiko. Die jüngeren, schlimmen Auftritte, vor allem die von 1998 und 2002, hingegen kriegen von mir kein Mitleid.
Das fiel mir 2002 und 2006 auch sehr schwer. So schlecht diese 2002er Mannschaft und das allgemeine Niveau der WM auch waren, es schwelgen immer noch tolle Erinnerungen beim erneuten Betrachten der damaligen Bilder mit.
Trotzdem habe ich in erster Linie die fußballerische Leistung bewertet und versucht alle Emotionen und Erwartungen außen vor zu lassen. Deshalb sind die 1990er auch nur auf Platz 6 gelandet, obwohl ich bei keiner WM-Mannschaft so ein ähnlich tolles Gefühl (außer 2006-2014) beim Ansehen der Spiele habe. Die Spielertypen, die Stadien, Un'estate Italiana und der Gedanke an die geschichtlichen Ereignisse ergeben irgendwie ein Kribbeln im Bauch, ohne schon geboren gewesen zu sein. Das Holland-Spiel ist eh eines der Besten. Fußballerisch war es zwar nicht so berauschend, aber die aufgeheizte Atmosphäre und dazu die Kommentierung von Faßbender und Rummenigge, einfach nur göttlich. Ich kann mir zwar nicht erklären wie das damals bringen konnten (ein Rolf Kramer hat sich ja vier Jahre zuvor noch entschuldigt, weil er meinte er wäre zu sehr aus sich herausgegangen beim AUsgleichstreffer gegen ARG), aber sowohl Rubenbauer als auch Faßbender sind mit ihrem ungeheuerlich abgebenden Stuss einfach zum Lachen komisch - ähnlich wie TuT bei Sky.
20.07.2016 - 14:53 Uhr
Quelle: www.tagesspiegel.de
50 Jahre Wembley-Finale
Die brave Klasse von 1966
Das WM-Finale von Wembley wird 50 – das damalige deutsche Team wurde nie so gewürdigt wie dessen Vorgänger und Nachfolger im deutschen Fußball.
Am 30. Juli jährt sich das Finale von Wembley zum 50. Mal. Die brave Klasse von 1966
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